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Zwöflter Band.
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Die Medicin.

großen Zahl bedeutender geistvoller Männer ganz entschieden zunahetreten, wolltenwir der Brown'schcn Lehre jede geschichtliche Berechtigung absprechen. Der Grund-gedanke Brown's ist der, daß das Leben nur auf der Fähigkeit der organischenKörper beruht durch Reize erregt zu werden, welche Fähigkeit Erregbarkeit heißt. AlsReiz kann nun fast Alles wirken, Wärme, Luft, Nahrung, Blut, psychische Thätig-keiten u. s. w. Die Erregbarkeit hat ihren Sitz im Nerven- und Muskelsystem; dieErregung steht im Verhältniß zur Größe der Reize; eine mittlere bewirkt die Ge-sundheit, hier gehen alle Funktionen mit gehöriger Leichtigkeit, Behaglichkeit u. s. w.vonstatten. Die Erregbarkeit wird umsomehr angehäuft, je geringer der Reiz,umsvmehr erschöpft, je größer der Reiz ist. In letzkerm Falle tritt bei völligerErschöpfung der Erregbarkeit Tod ein, ebenso in ersterm durch Entziehung jedesReizes. Krankheiten treten ein infolge zu heftiger Erregung, wobei die Erregbarkeitsinkt: sthenische Krankheiten (Katarrh, Exantheme, Rheumatismus, Entzündungen,Apoplexie, Pest), oder infolge zu geringer Erregung, wobei sich die Erregbarkeit stei-gert: asthenische Krankheiten (Blutung, Fieber, Indigestion, Podagra, Wassersucht,Cholera, Apoplexie, Pest).- Nach diesen Grundsätzen ist Brown's Therapie äußersteinfach. Bei der Diagnose kommt es nur darauf an zu bestimmen, ob die Krank-heit örtlich oder allgemein, sthenisch oder asthenisch und in welchem Grade sie diessei. Sthenische Krankheiten müssen mit asthenisirenden Mitteln (Aderlaß, Kälte,Brechen, Purgiren, Schwitzen), asthenische mit sthenisirenden behandelt werden (Fleisch-kost, Wärme, Gewürze, Wein, Moschus, Kampfer, Äther, Opium). Das größteVerdienst, welches sich Brown nach diesem Systeme erwarb, bestand darin, daß er,Gleichzeitiges und Früheres negirend, selbst gegen seine Zeit Opposition machend,mit terrorisirender Gewalt die Ärzte auf das über die einzelnen Krankheitsfvrmenvergessene allgemeine Lebensprincip hinwies. Wir werden freilich später selbst diesich aus diesem entwickelnde Lebenskraft wieder zerfallen sehen; sie war aber gegen-über den materialistischen und dynamistischen Ansichten des vorigen Jahrhundertsnothwendig, um durch eiserne Consequenz in einer Richtung hin alle herrschendenDifferenzen für einmal auszugleichen und Methode und Ziel der Medicin klar er-kennen zu lassen. Eine wesentliche Verbesserung der Brown'schen Theorie führteRöschlaub ein, indem er das Leben außer von dem Lebensprincip auch von der Or-ganisation abhängig sein ließ, welche bei Brown unberücksichtigt blieb, und dadurch,daß er der Erregbarkeit die Fähigkeit zuwies, den Reizen gegenüber activ weagirenzu können. Trotzdem, daß hierbei immer noch das Leben ein erzwungener Zustandblieb, die Reize sowie die davon abhängigen Lebcnszustände nicht qualitativ, sondernnur quantitativ betrachtet wurden, fand dies nun Erregungstheorie genannte Systemzahlreichere und bedeutendere Anhänger als die von einem urspünglichen VertreterBrown'scher Ansichten ausgehende Modification desselben, welche wenigstens in denHeilmitteln einen qualitativen Unterschied zuließ. Rasori behauptete nämlich, daß esaußer den von Brown allein angenommenen reizenden Mitteln, welche nur in quan-titativer Hinsicht die Erregung Herabstimmen könnten, auch direct gegenreizende Mittelgäbe. Dies sind die Cvntrastimulantia, nach denen die Lehre selbst Cvntraflimulis-mus genannt wird. An Brown schlössen sich besonders Girtanner, I. Frank undWeikard, an die Erregungstheorie P. Frank, Marcus, Horn und Andere an.Groß war auch die Zahl der Gegner, der Streit für und wider sehr lebhaft, zuwei-len heftig und erbittert; am konsequentesten und siegreichsten hat besonders Ch. W.Hufeland die neue Lehre bekämpft, gestützt auf seine praktischen Erfahrungen, dasGute in ihr anerkennend. Es würde zu weit führen, wäre auch nicht am Orte,diesen Kämpfen ins Einzelne zu folgen. Der Brvwnianismus bildet jedoch eine inder Entwickelung der Medicin so hervorragende Erscheinung, die auch in diesemJahrhunderte noch ihre Nachwirkung fühlen ließ, daß wir sie etwas näher charakte-risircn mußten. Daran, daß die Ausbreitung derselben mit den politischen Bewe-gungen, welche Europa am Schlüsse des vorigen und am Anfange dieses Jahrhun-derts erschütterten, zusammenfiel, braucht wol nur erinnert zu werden.