433
Die Medicin.
Wir sahen oben, wie die ganze Brown'sche Bewegung vorzüglich dem Umständeihre Entstehung verdankte, daß Haller's Irritabilität und Sensibilität als zwei ver-schiedene Elemente des Lebensprocesscs auftraten, denen ursprünglich die Einheit fehlte.Das Leben als ein einheitliches darzustellen, die Krankheiten aus dieser einen Quelleabzuleiten, mußte die nächste Aufgabe sein. Gleichzeitig wurden aber die Erfahrun-gen über die specifischen Krankheitsformen immer brauchbarer, die Erkrankung flüssigerTheile immer schärfer bestimmt. Während die durch Darwin, Blumenbach, Reilund Hufeland mehr oder weniger scharf desinirte Lebenskraft (die sich besonders derLetztgenannte ausdrücklich als den unbekannten, mit den Kräften der Physiker ver-gleichbaren Grund der Lebenserscheinungcn dachte) die verschiedenen Äußerungen deSLebens als einheitlich darzustellen bestimmt war, bemühten sich besonders Barthez,Pinel und der später zu rühmende Bichat die Krankheitserscheinungen zu analysiren,Elementarformen zu finden, ihre Localisation nachzuweisen und hierauf nosologischeSysteme zu gründen. So war denn von theoretischer wie von praktischer Seite herso Vielerlei vorgearbeitet, daß ein Umschwung nicht blos möglich, sondern auch geahntwurde, wie Hufeland es ausdrücklich ausspricht: „Wir stehen vor dem Aufgangeeiner neuen Morgenröthe für Wissenschaft und Menschheit, einer neuen Entdeckung, dieAlles übertrifft, was jemals entdeckt worden ist." Möchte es bald Heller Tag werden!
Beginn der neuen Zeit.
„Ich behaupte, daß in jeder neuern Naturlehre nur soviel eigentliche Wissen-schaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist. Denneigentliche Wissenschaft, vornehmlich der Natur, ersodert einen reinen Theil, derdem empirischen zugrunde liegt und der auf Erkenntniß der Naturdinge s prioriberuht. Nun heißt es etwas a priori erkennen, es aus seiner bloßen Möglichkeiterkennen. Die Möglichkeit- bestimmter Naturdinge kann aber nicht aus ihren bloßenBegriffen erkannt werden; denn aus diesen kann zwar die Möglichkeit des Gedankens,aber nicht des Objects als Naturding anerkannt werden, welches außer dem Ge-danken gegeben werden kann. Also wird, um die Möglichkeit bestimmter Natur-dinge, mithin um diese s priori zu erkennen, noch gesodert, daß die dem Begriffe-cvrrespvndirende Anschauung -> priori gegeben werde, d. i. daß der Begriff construirtwerde. Nun ist die Vernunfterkenntniß durch Construction der Begriffe mathematisch.Also mag zwar eine reine Philosophie der Natur überhaupt, d. i. diejenige, die nurDas, was den Begriff einer Natur im Allgemeinen ausmacht, untersucht, auch ohneMathematik möglich sein, aber eine reine Naturlehre über bestimmte Naturdinge istnur vermittels der Mathematik möglich, und da in jeder Naturlehre nur soviel eigent-liche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin Erkenntniß a priori befindet, sowird Naturlehre nur soviel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik inihr angewendet werden kann."
Sollte man wol meinen, hier die Worte eines Mannes zu hören, welcher zurZeit Brown's lebte, zu einer Zeit, wo willkürlich Hypothesen oder einzelne isolirtstehende Thatsachen zur Basis eines ganzen Systems benutzt wurden? Klingt diesnicht vielmehr ganz modern? Haben nicht auch manche unserer Zeitgenossen, daraufAngewiesen, wie einst eine Zeit kommen werde, wo man an eine derartige mathematischeBegründung der Naturwissenschaften zu glauben anfangen werde, obschon man nochletzt einen derartigen Ausspruch fast als eine Excentricität ansehen möchte? Und dochhat dies Jmmanuel Kant schon vor achtzig Jahren gesagt! In einer Zeit, derenGeschichte noch nicht reif ist, läßt sich nur selten der Gründer einer neuen Periodescharf bezeichnen; in unserm Falle aber glauben wir fest überzeugt sein zu dürfen,daß.der mitgetheilte Ausspruch'des königsberger Philosophen die Epoche beginnt, jac " ^ ausgesprochene Idee alle noch kommende Entwickelung der Naturwissen-schaften als rother Faden durchziehen wird. Es haben allerdings seitdem manche Phi-losophen Wege der Forschung eingeschlagen, welche von dem kritischen und wissen-Die Gegenwart. XII. > 28