434 Die Medicin.
fchastlich skeptischen Lichtblick Kant'scher Lehre sehr abzuweichen scheinen. Doch läßtsich nicht verkennen, daß der Keim der Schelling- und Hegel'schen Naturphilosophieschon in Kant ausgesprochen dalag und nur einseitig entwickelt wurde. Wir wollenhier nicht den Einfluß der Konischen Philosophie auf die allgemeine wissenschaftlicheBewegung im Anfange dieses Jahrhunderts entwickeln, gestehen auch, trotz mancherVorarbeiten, doch nicht hinreichend vorbereitet zu sein, mochten vielmehr die Auf-merksamkeit Anderer auf diesen ebenso instruktiven wie für die Geschichte der speku-lativen Seite der Naturforschung äußerst interessanten Punkt lenken; aber mit zweiWorten wollen wir der Orientirung halber Einiges von Dem anführen, was wirKant verdanken.
Wie John Brown durch sein System die Gemüther der ärztlichen Welt imGanzen und Großen auf ein die einzelnen Erscheinungen beherrschendes Allgemeinehinführte, was sich freilich der ziemlich handgreiflichen sensualistischen Fesseln nichterwehren konnte, so führte Kant auf einem gerade entgegengesetzten Wege zur An-erkennung eines dem Realen gegenüberstehenden Idealen. Beides blieb bei ihmunvereinigt, und sogar principiell getrennt. Er schied die Urtheile, welche uns dieErfahrung gibt, selbst wenn sie den Charakter comparativer Allgemeinheit erlangen,streng von denen, welche uns die Spontaneität des Erkennend liefert und deren In-halt vom Bewußtsein der Nothwendigkeit und strengen Allgemeinheit begleitet ist.Um die Möglichkeit der letzter», die Möglichkeit einer apriorischen Wissenschaft be-gründen zu können, bedurfte es einer Kritik des gesammten Erkenntnißvermögens;und diese Untersuchungen waren es vorzüglich, welche den lebhaften Aufschwungeines wahrhaft spekulativen Geistes und Fvrschens hervorriefen. Die Speculation ^ist freilich jetzt nicht überall gut angeschrieben, doch mehr ihrer einseitigen Enkwicke- >lung wegen. Immer wird es ein Verdienst Kant's bleiben, dieselbe angeregt zu !haben, Begriffe wie die des Raumes und der Zeit als apriorische nachgewiesen, .überhaupt die metaphysische Begründung so mancher nothwendiger Faktoren wahr-haft wissenschaftlicher Untersuchungen angebahnt zu haben. Kant führte aber durchseine Schriften bei andern philosophischen Köpfen einen mächtigen Anlauf zur Lösungder höchsten Probleme herbei, und namentlich läßt sich die Naturphilosophie der ersten dreiJahrzehnde auf ihn zurückführen. Kant meinte, bisher habe man immer geglaubt,alle Erkenntniß müsse sich nach den Gegenständen richten; daran sei aber jede Er-klärung eines apriorischen Wissens von denselben nothwendig gescheitert. - Wie nunKopernicus durch Umkehrung der gewohnten Weltansicht die Wahrheit entdeckt habe,sollte man auch hier eine Umkehrung versuchen. Dies führt Kant zu der Behauptung,Laß die Gegenstände, was ihnen nothwendig ist, aus dem Geiste empfangen, daß derGeist in den Gegenständen seine eigenen Erkenntnißformen und Gesetze auspräge, daß ialso die Gesetze des Geistes auch die Gesetze der Objecte darstellen. Bei seiner ^scharfen Sonderung des Realen und Idealen kommt er aber schon m der Betrachtungder Natur zu einer Antinomie der Vernunft, welche er nicht löst: er findet auf dereinen Seite, daß alle Naturveränderungen mechaniscben Gesehen folgen, auf derandern, daß die letztem nicht überall ausreichen, sondern die Realisation eines End-ziels darstellen. Wir können hier nicht auf alle die Modifikationen eingehen, welche"sich an Kant anreihten, wollen nur,auf Jacobi's komplementäre Lehre von derunmittelbaren Qualität des Bewußtseins hinweisen, sowie auf des ältern FichteCentralisation der Beziehungen auf das Ich, als das auch das Object producirendeSubject des Selbstbewußtseins. Am tiefsten griff in die Entwickelung der Natur-und Heilwissenschaft ein Mann ein, der seiner ursprünglichen Stellung als Arztnach zunächst der Natur folgen konnte, und im eigentlichen Sinne Gründer der einezeitlang herrschenden Naturphilosophie wurde: wir meinen Schelling. Mag manjetzt auch aburtheilen über ein System, welches von einer wenig zu spekulativerThätigkeit geneigten Zeit halb verstanden, halb unrichtig erfaßt, zu manchen Absur-ditäten geführt hat: immerhin bleiben die in nächster Wirkung derselben entstandenenArbeiten der Naturforscher Oken, Kiefer, des alten Nasse, K. G. Carus, Dollinger,