436 Die Medicin.
Wissenschaft aus dem doppelten Grunde wichtig, als zahlreiche wichtige Entdeckun-gen auch auf die Erklärung des Lebensproccsses Einfluß gewinnen, und sich beiihnen früher als in der Medicin die wissenschaftliche Form befestigte. Verglichenmit den so höchst cvmplicirten Erscheinungen des organischen Lebens, welches, anden verschiedenartigsten körperlichen Grundlagen verlaufend, die etwa nachweisbarenphysikalischen und chemischen Vorgänge nur als Mittel für noch tiefer liegendeZwecke zu benutzen scheint, sind die den reinen Naturwissenschaften sich darbietendenund die Erklärung zunächst erwartenden Vorgänge einfach zu nennen. Sie sind ineiner ausgedehnter» Weise, als dies bei lebenden Körpern der Fall ist, der Ver-änderung durch das Experiment zugänglich, und wenn auch das durch Haller in diePhysiologie eingeführte Experiment sehr bald Großes leistete, so kann doch bei phy-sikalischen und chemischen Untersuchungen allmälig das sich der Erklärung noch inden Weg legende complicirende Element beim Versuch climinirt werden, wahrendumgekehrt bei der Physiologie gerade darin die Hauptschwierigkeit liegt, das Zu-sammengesetzte in seine wirklichen Theile aufzulösen. Wie wir es schon früher beiBetrachtung der Chemie des vorigen Jahrhunderts aussprechen konnten, so tritt unsanfangs hier noch schärfer eine Entfremdung der Physik und besonders der Chemievon der Medicin entgegen, welche erst verhältnismäßig spät durch eine noch innigereVereinigung, als sich die frühern Jatrochemiker geträumt hatten, ausgeglichen wurde.Dieser Umstand war aber für beide Seiten heilsam und forderlich. Die Natur-forscher hatten nicht nöthig, bei jedem Fortschritt, welcher in Aussicht stand, nach demUrtheil der die Wissenschaft nicht mehr ausschließlich beherrschenden Ärzte zu fragenund konnten sich rückhaltloser dem Ziele ihrer eigenen Wissenschaft zuwenden; dieÄrzte wiederum konnten an dem Beispiele jener lernen, wie zwar auch philosophischeMethode, aber vor allem Sicherstellung der Thatsachen zur Gründung einer wissen-schaftlichen Theorie nöthig sei. Wenn nun auch einzelne, der naturphilosophischenSchule angehörige Naturforscher die physikalischen wie chemischen Vorgänge aus demAbsoluten, aus ihrem Ich heraus zu erklären suchten, so verschwand doch diese Er-scheinung bald vor der immer entschiedener auftretenden Neigung zur mathematischenBehandlung der Naturwissenschaften. Hier, wo es nur darauf ankommt, den allge-meinen Einfluß, den Antheil anzudeuten, welchen die Naturwissenschaften an der Ent-wickelung des heutigen Zustandes der Medicin hatten, können wir nicht die einzelnenEntdeckungen der Physik, Chemie u. s. w. verfolgen. Doch halten wir es für noth-wendig, um gewisse Richtungen einzelner Forscher der Jetztzeit von selbst verständlichzxr machen, die Naturwissenschaften in kurzem vorüberziehen zu lassen.
Den Einfluß, welchen die Physik auf die Entwickelung der heutigen Medicinäußerte, pflegt man gewöhnlich zu gering anzuschlagen. Es ist allerdings wolwahr, daß chemische Vorgänge in dem lebenden Körper die überwiegenden sind.Doch ist auch die Physik uns sehr nahegerückt, nicht blos durch die sich mehrendenBeweise, daß die chemischen Vorgänge mit Manchem, was bisjetzt der Physik zuge-rechnet wird, vollständig übereinstimmen, nothwendig wenigstens davon begleitet sind,ja daß sie nur eine Classe reinphysikalischer Erscheinungen bilden, über deren Grund-phänomen freilich die Physiker so wenig als die Chemiker sich vollständig in Klarheitbefinden. Doch davon noch nachher. Wir mögen uns in den einzelnen Capitejn derPhysik umsehen, wo wir wollen, überall hat die Medicin direct oder indirect Nutzenvon ihr gehabt. So hat die Lehre von der Kapillarität zu den exacten Versuchenüber die die Aufsaugung, Ernährung und Secretion wenigstens begleitende Endes-mose und Exosmose geführt. Die Untersuchungen über die Ausbreitung und Be-wegung der Gase haben zur Erklärung des Luftaustausches bei der Respiration undanderer auch praktischer Punkte geführt. Die Lehre vsm Schalle hat auf manchenbis dahin dunkeln Punkt in der Lehre der Physiologie des Ohres Licht geworfen;ebenso ist uns, nachdem zuerst Kepler die optische Bedeutung der das menschliche Augezusammensetzenden Gebilde nachgewiesen hatte, verhältnißmäßig nur wenig noch dunkel,was in Bezug auf das optische Zustandekommen des Sehens steht. Die Optik hat