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Die Medicin.
an die Thierchemie zu wagen. Immer war man aber noch geneigt, die organischenVerbindungen als außerhalb der starren Gesetze liegend anzuerkennen, bis Berzcliusdie stöchiometrischen Gesetze auch auf sie anwandte. Untersuchungen, wie die vonFourcroy, Vauquclin, Gay-Lussac, Thenard, Cheuvreul und später die von Berzclius,Wähler, Döbereiner, Dumas, Mitscherlich lockerten den Unterschied zwischen anorga-nischen und organischen, bis die künstliche Darstellung mehrer sogenannter orga-nischer Körper, die der Ameisensäure von Döbereiner, die des Harnstoffes von Wöhler,die Grenze ganz wegriß. Die Untersuchungswelse, welche sich bei der Erforschungeinfacherer organischer Körper bewährte, wurde dann von Mulder^ welchem nunviele Neuere folgten, auch auf zusammengesetztere thierische Substanzen übertragen.Die immer sorgfältiger ausgeführten Elementaranalysen. brachten Zusammenhangin die anfangs ziemlich isolirt stehenden chemischen Körper, deren Beziehungen zudem Ablauf des Lebensprocesses besonders in WLhler's, Liebig's und der meistenneuern Chemiker Arbeiten eine sorgfältige Begründung erfuhren. So hat sich inneuerer Zeit eine physiologische Chemie entwickelt, welche durch Untersuchung derchemischen Substrate der Thierkörper, durch Untersuchung der Säfte und Gewebederselben sowie durch Verfolgung ihrer Veränderung während der zoochemischen Pro-cesse mehr wie jede andere Lehre uns der Lösung der Aufgabe genähert hat, auchdie Lebenserscheinungen als physikalischen und chemischen Kräften folgend und da-durch einer mathematischen Behandlung zugänglich nachzuweisen. Es sei uns je-,doch gestattet, hierzu zwei Bemerkungen zu machen. Wol hat man in der Chemieeine mathematisch klingende Sprache eingeführt, welche auch gewisse statistische Er-gebnisse des chemischen Stoffwechsels nach Verhältnißzahlen, Verwandlungssvrmelnu. s. w. anführt; doch ist die Chemie selbst noch nicht bis zu einer wirklichen ma-thematischen Begründung gelangt. Sie drückt nur die Verhältnisse, .in denen sich dieverschiedenen Elemente miteinander verbinden, durch Proportionszahlen aus, dabeihypothetische Atome voraussetzend, welche sich entweder ihrem Gewichte oder ihremVolumen nach gleich sind, sich nicht in allen möglichen Verhältnissen verbinden kön-nen, sondern nur in gewissen u. s. w. Hierdurch hat sie allerdings die arithmetischenResultate der den Verbindungen zugrunde liegenden Kräfte, aber noch lange nichtdie Wirkungsart dieser Kräfte selbst 'ausgedrückt. Um dies thun zu können, bedarfes noch ausgedehnterer Untersuchungen über die Molecularkräfte überhaupt, und so-lange nicht die Physiker hierin mehr Vorarbeiten gemacht haben werden, solangenicht besonders die Mathematik neue, anstatt das Differential der Zeit das derKräfte berücksichtigende Formeln entdeckt hat, werden auch die Chemiker keineeigentliche chemische Theorie aufstellen können. Nun hat dies allerdings mit derphysiologischen Medicin dircct verhältnißmäßig weniger zu thun; es verlohnt aber derMühe daran zu erinnern, daß eine Verhältnißzahl noch nicht das Zeichen einermathematischen Begründung ist, daß zu wissen, wieviel Elemente und in welchenVerhältnissen dieselben einen dem, Stoffwechsel entsprungenen Körper bilden, nichtgleichbedeutend ist mit dem Nachweis, daß sich derselbe unter den gegebenen Be-dingungen mit physikalischer Nothwendigkeit bildet. Und dies ist ja gerade die einzigmögliche wirkliche Erklärung, die Zurückführung auf allgemeine Naturgesetze. Diesführt uns zu dem andern Punkte. Einer der geistvollsten Vertreter der physiolo-gischen Chemie hat in diesem Werke *) die Allgegenwart chemischer Processe imlebenden Körper hervorgehoben und darauf die hohe Stellung der physiologischenChemie in Bezug auf die Wissenschaft des Lebens begründet. Nun kann es unszwar nicht beikommen, die chemische Natur des Stoffwechsels leugnen, die Abwesen-heit chemischer' Veränderungen in der sich contrahirendcn Muskelfaser, in der empfin-denden, ja denkenden Nervenfaser behaupten zu wollen. Indessen möchten wir dochhier wieder daran erinnern, daß alle diese chemischen Bewegungen der den lebenden
*) Nämlich in dem Artikel „Der Chemismus in der Medicin", im zweiten Bande der„Gegenwart", S. 187 —MO. D. Red.