440
Die Medicin.
weitere Versuche bereichert sah. Wie sich selten das Jnslebentreten einer Wissen-schaft an einen Namen binden läßt, so ist G. Cuvier nicht der Erste, welcher durchvergleichend anatomische Untersuchungen den Schleier, der die Geheimnisse des thie-rischen Lebens hinter tausendund aber tausend Formen verborgen hielt, zu lüftenversuchte; doch kann man für Zootomie mit ihm einen Abschnitt beginnen, da er derErste war, welcher durch zahlreiche Einzeluntersuchungen in den Stand gesetzt wurde,allgemeine Organisationsplane nachzuweisen. Wie hierdurch die systematische Zoologie,welche recht eigentlich durch ihn in ihre jetzige Bahn gelenkt wurde, eine wissen-schaftliche Grundlage gewonnen, so war es auch für die Physiologen ein entschiedenerGewinn, zunächst die sonst schwer zu bewältigende Formenmannichfaltigkeit auf be-stimmte Grundformen zurückgeführt zu sehen, deren physiologische Übereinstimmungenund Widersprüche sehr bald heilsame Wirkungen äußerten. Gleichsam als hätteCuvier gefühlt, daß allgemeine Formengesetze schwer Boden fassen, begnügte er sichdamit, vorläufig nur die allgemeinsten aufzustellen, ohne an die speciellem, deren An-wesenheit er gleichwol ahnte, zu erinnern, ja zuweilen sogar die letztem bekämpfend.Die nächste Folge der erwachenden Zootomie war, daß die Physiologie nicht blosvergleichend anatomische Thatsachen als Erkiärungsgründe zu benutzen anfing, sondernauch in ihren Versuchen und Grundsätzen eine fast rein vergleichend anatomischeBasis annahm. Was Cuvier für Frankreich, das war Z. F. Meckcl für Deutsch-land, und wenn die directen Erfolge des Letztem nicht so großartig in den Gang derEntwickelung der organischen Naturwissenschaften eingriffen, so muß man bedenken,daß es in Deutschland an einem Centralisationspunkt für das zootomische Materialfehlte, an welchem sich nicht blos die persönlichen Schüler des großen Meisters,sondern auch das patriotische Interesse zur Herstellung einer großen Sammlung vereinigthätte. Immerhin schlug die Zootomie kräftige Wurzeln im vaterländischen Boden;Blumenbach, Nudolphi, Treviranus und Andere wendeten die von ihr geliefertenResultate für die Physiologie an, und seit diesen war lange Zeit der Fortschritt derletzter» an die Bewegungen der Zootomie gebunden. Daß auch in jetziger Zeit dievergleichende Anatomie, welche sich besonders durch I. Müllcr's und einiger andrerdeutscher und englischer Forscher Bemühen einer allgemeinen philosophischen Begründungnähert, der Physiologie die wichtigsten Dienste leistet, wer möchte das leugnen? Wirbrauchen nur an die Lehre von der Secretion, der Nerventhätigkeit, an die Ent-wickelungsgeschichte, Zeugung u. s. w. zu erinnern. Was wüßten die Physiologen,außer allgemeinen statistischen Angaben, über die nähern Bedingungen dieser Vor-gänge, ohne vergleichend anatomische Untersuchungen? Eine zeitlang, besondersbeim Aufschießen des naturphilosophischen Unkrauts in der deutschen Literatur, hieltman nicht blos die Misgeburten für ein Stehenbleiben des Embyro auf niedererThierstufe, sondern man erklärte auch Krankheiten als Nückfälle in thierische Eigen-thümlichkeiten. Hier hat offenbar die Zootomie den bessern Nachweis gegeben, daßdie Begriffe von niedern Formen und niedrigen Typen anders zu fassen sind, alsdurch obigen Ausdruck gesagt werden sollte, und daß man eine Krankheit nicht alsideellen Ausdruck eines gesunden Thierlebens hinstellen könne. Dies Verdienst istjedoch sehr billig zu erwerben gewesen, und wir möchten deshalb allein der Zootomienicht einen großen Werth beilegen, wenn es nicht, abgesehen von den nur erwähntenSpecialpunklen, die ganze Tendenz wäre, an einfachen Grundlagen einfachere Lebens»erscheinungen zu studiren, welche uns dieselbe als eine der werthvollsten Hülfswissen-schaften darstellt. Zwar etwas später sich verbreitend, aber dann einen fast nochgrößer» Einfluß auf Anatomie und Physiologie gewinnend — dies vielleicht durch ihreVerbindung mit vergleichender Anatomie — trat auch die Gewebelehre, die nachihrem Gründer häufig noch sogenannte allgemeine Anatomie, der Medicin nahe. DerGedanke, welcher der ersten Arbeit Franz Lavier Bichat's zur Grundlage diente, warein reinpraktischer. In seinem „Irsits ciss mswbr-mss" suchte er zum ersten malauf wahrhaft naturgemäße Weise übereinstimmende Krankheitserscheinungen auf einenübereinstimmenden anatomischen-Bau zurückzuführen, ein Bestreben, welches unsere