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Die Medicin.
beginnt. Es dürften jedoch selten nur zwei Individuen angetroffen werden, welchebei sorgfältiger Nachfrage nach dem Ablauf aller einzelnen Lebenserscheinungen aufvollkommen übereinstimmende Angaben in Bezug auf Das, was sie ihren gesundenZustand nennen, kamen. Sehr bald stellt es sich eben heraus, daß Gesundheit einrelativer Zustand ist. Natürlicherweise ist auch Krankheit ebenso relativ. Die Ge-sundheit des einen Menschen wird durch besondere an ihm auftretende Erscheinungenkaum in ihrem ruhigen Ablauf gestört, während dieselben Vorkommnisse bei einemandern Menschen schon auf ein ziemlich bedeutendes Kranksein schließen lassen würden.Ein Arzt scheint von vornherein gar nicht in die Verlegenheit kommen zu können,darüber einen Ausspruch thun zu müssen, was diesen unsichern Grenzwerth charakterisire.Er wird zur Beseitigung entschieden krankhafter, wenigstens bei den seine Hülfesuchenden Individuen krankhafter, Zustände aufgefvdert. Es ist ferner klar, daßgewisse einzelne Krankheiten genau und gründlich erforscht und erkannt sein müssen,ehe aus diesen speciellen Vorlagen das allen gemeinsame Abstracte, die Krankheit,erschlossen werden kann. Und doch ist schon von den ältesten Zeiten her nicht blosder Versuch gemacht worden, die Krankheit zu definiren, sondern der auf irgend-welche Weise erhaltene Begriff wurde dem zu errichtenden Systeme als Grundlageuntergelegt. Man darf nun aber den frühern Ärzten aus diesem Cirkel, in dem siedas zu Erklärende den Erklärungsgründen als hypothetisch Gegebenes zum Grundelegten, um dann hieraus das Gewünschte zu folgern, keinen zu großen Vorwurfmachen. Nur mit Hülfe eines solchen Begriffs konnten sie an ein System gehen,nur mit Hülfe eines solchen Systems konnten sie die der Erfahrung täglich in denmannichfaltigsten Formen sich darbietenden Einzelformen ordnen, sich selbst übersicht-lich und der Heilung zugänglicher machen; nur mit Hülfe einer solchen Theoriekonnten sie ihrer Kunst die dem Publicum gegenüber nöthige Sicherheit und wissen-schaftliche Form für ihr Handeln gewinnen. Die Frage, was Krankheit sei, führteaber nothwendig auf zwei andere, welche mit der erster» zusammen beantwortet wur-den, je nach den herrschenden physiologischen Ansichten und dem philosophischenStandpunkte. Es sind dies die Fragen nach dem Sitze der Krankheiten und nachihrer Ursache: beide hängen eng miteinander zusammen, da natürlich ein die Krank-heitskeime aufnehmendes organisches System nach seiner Eigenthümlichkeit dieselbenverarbeiten und anders als davon verschiedene Systeme auf dieselben rückwirken wird.Wir können hier füglich von den Theorien ganz absehen, welche ihren Ausgangs-punkt in hypothetischen, auf vereinzelte Erfahrungen gegründeten oder in rein theo-retischen, nach naturphilosophischer Weise aphoristisch erdachten Ideen von Leben,Gesundheit u. s. w. nahmen. Ohne eine nur einigermaßen sorgfältige Untersuchungeinzelner Krankheitsformen konnte natürlich der Versuch, das Wesen der Krankheitim Allgemeinen zu bestimmen, nur auf abstruse, gehaltlose Allgemeinplätzc führen.Wir müssen hierher alle jene Theorien rechnen, welche von einer »»erwiesenen, dasLeben als oberstes Princip leitenden Idee, einem Äther, einer Seele Stahl's, selbstvon einer Lebenskraft ausgehend, die Krankheit als ein Abirren von dieser Idee desLebens, oder wie es noch ein lebender „rationeller Patholog" bezeichnet, als eineAbweichung vom typischen Lebensproccsse darzustellen versuchen. Wir haben es mitjenen Theorien zu thun, welche, auf der Beobachtung einzelner Krankheiten fußend,sich allmälig zum Allgemeinen zu erheben suchten. Hierbei wirkten zwei Um-stände auf den Entscheid der Pathologie: der Stand der physiologischen Kenntnisseund die Art und Weise, wie specielle Krankheitsformen beobachtet und beurtheiltwurden, welches Letztere natürlich wieder mit den Untersuchungsmitteln zusammen-hängt. Wie kaum im Leben einer Wissenschaft etwas so einseitig sein kann, daßnicht wenigstens eine unbewußte, dunkel geahnte Wahrheit zugrunde läge, so läßt sichauch in jenen, vorhin von der Hand gewiesenen Krankheitslheorien wenigstens einAnschluß an jene erkennen, welche indirect von gewissen physiologischen, allgemeinwahren Sähen geleitet werden. Trotz aller Unfruchtbarkeit, welche nach unsernheutigen Ansichten die Raisonnements über Lebenskraft, Typus der Gesundheit u. s. w.