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Die Medicin»
lieferte, weichen, und in ähnlicher Weise, wie die eben Genannten eine anatomischeBegründung der Krankheit versuchten, klang und klingt es noch in Deutschland nach.
Wir können an die Bezeichnung Dessen, was man jetzt sich unter Krankheitdenkt, nicht eher gehen, bis wir den andern Umstand kurz berührt haben, welcher aufdie Stellung der Ärzte zu d'er Frage nach dem Wesen der Krankheit von Einflußwar. Wir meinen den Gang der ärztlichen Beobachtung selbst. Eine persönlicheKenntnißnahme der mancherlei Krankheitssormen ist wegen der Gleichmäßigkeit desBeobachtens von unschätzbarem Werthe, und es ist ein Vorzug unserer MedicinStudirenden, daß sie in Krankenhäusern, welche speciell dem klinischen Unterrichtgewidmet sind, Gelegenheit haben, durch eigene Anschauung Das kennen zu lernen,wovon sie nach Beschreibungen ein nur ungenügendes Bild zu entwerfen im Standesind. Und doch tritt auch hier ein Umstand entgegen, welcher in frühern Zeiten,wo es noch keine Klinik gab, noch viel mislicher war. Die geistige Aufnahme eineswie das gesunde Leben selbst beweglichen Processes richtet sich nach dem individuellenStandpunkte des Beobachters, und Das, was wir nicht selbst sehen konnten, trittuns in der Form,, einer nach subjectiven Anschauungen entworfenen Beschreibungentgegen. Dieser Übelstand ist freilich jetzt etwas ausgeglichen, da die Naturwissen-schaften mit ihren ungleich exactern Beobachtungsmethoden einen wesentlichen Ein-fluß auf die Medicin ausgeübt haben. Wir brauchen aber nur wenige Zahrzehndezurückzugehen, um das Ungleichmäßige der Auffassung lebhaft hervortreten zu sehen.Hiermit hängt aufs innigste die unausgebildete medicinische Terminologie zusammen,welche, sich nur zum Theil auf objectiv überall erkennbare Zustände gründend, häufigden Stempel der Subjectivität gar zu deutlich an sich trug. Viele Äusdrücke pflan-zen sich noch von Generation zu Generation fort, fast mit jeder ihre Bedeutungwechselnd. Auch hier klärt sich zwar Vieles ab; diesem Ümstande ist es aberbesonders zuzuschreiben, daß sich manche Punkte der Geschichte der Krankheiten soschwer feststellen lassen. Was die ärztliche Beobachtung selbst anbetrifft, so sehenwir sehr deutlich, wie sich dieselbe nach dem Stande der Medicin als Kunst oderals Wissenschaft richtete. Dem ausschließlichen Heilkünstler kam es vor allem daraufan zu wissen, wie er vorliegende krankhafte Erscheinungen beseitigen könne, ohnesogleich zu fragen, auf welches Abweichung vorn gesunden Lebensproceß dieses oderjenes Symptom beruhe, wie die einzelnen Symptome zusammenhingen. An eineErklärung der Symptome durch Nachweis von Alterationen der Structur oder Der-gleichen dachte man nicht, oder benutzte sich zufällig in dieser Hinsicht bietende Erfah-rungen zu voreiligem Theoretisiren. Die Pathologie blieb daher wesentlich sympto-matisch s die in den meisten Symptomen übereinstimmenden Krankheitsbilder wurdenzusammengefaßt und mit einem Namen belegt, welcher sich meist nach einem dervorherrschendsten Symptome richtete. Häufig bezogen sich die hierbei aufgezähltenSymptome entweder gar nicht oder nur zum kleinsten Theil auf den eigentlichleidenden Theil, und gewisse Symptomengruppen, welche mehren weit verschiedenenKrankheiten gemeinschaftlich angehörten, wurden als besondere Krankheitssormen auf-gefaßt, zunächst mit gänzlicher Vernachlässigung der wirklichen, den ganzen Gruppenvon Erscheinungen zugrunde liegenden Krankheiten. Erst die neueste Zeit hathier gelichtet und Äusdrücke wie Fieber, Wassersucht, Schwindsucht, Blutfluß,Krampf, Entzündung u. s. w. in ihre währen Grenzen zurückgeführt. Es ist hierder Ort, einer sonst sehr achtbaren Richtung zu gedenken, welche mit der Bildungderartiger Krankheitsbilder zusammenhängt. Zum Theil angeregt durch die Natur-philosophie, zum Theil durch das Bestreben, die Methode der Naturwissenschaftennoch eingehender auf die Medicin anzuwenden, versuchte man die sich im, Laufe derTraditionen zu wirklichen Einheiten verdichtenden Krankheitsbilder in Classen, Ord-nungen, Gattungen und Arten einzutheilen, und wenn auch hierin noch an und fürsich nichts Verfängliches liegt (es gehört z. B. das System des genialen Schönleinhierher), so wurde dies doch bedenklich, als die Anhänger dieser sogenannten natur-historischen Schule die Krankheiten als selbständig- organische Vorgänge zu betrachten