Die Industrieausstellungen. 487
und bezüglich der Einfuhr ausländischer Producte nicht zu gering anzuschlagen. DieZollvereinsstaaten bezögen noch viele Waaren aus fremden Ländern blos aus demGrunde, weil die Kaufleute daran gewöhnt seien und man die Producte der Länderdes Zollvereins nicht überall im Vereine kenne. Die Ausstellungen würden deshalbden Fabrikanten des Zollvereins Käufer zuwenden, die bisher ihren Bedarf vom Aus-lande theurer und minder gut bezogen hätten. Dies werde vorzüglich denjenigenLändern gegenüber hervortreten, deren Production durch ein Prohibitivsystem ver-theuert sei.
Bei der im darauf folgenden Jahre (1842) in Stuttgart stattfindenden Ge-neralconferenz in Zollvereinsangelegenheiken wurde in der That eine Vereinbarungder Zollvereinsregierungen über diesen Punkt erreicht. Man beschloß sich gegenseitigdarin zu unterstützen, daß von Zeit zu Zeit — nach Ablauf von wenigstens fünfJahren, von der letzten Ausstellung angerechnet — öffentliche Ausstellungen für dieJndustrieerzeugniffe aus den Ländern des gesammten Zollvereins zustande gebrachtwürden. Wie die Aushebung des Zunftzwangs die Mutter der Industrieausstellungenin Frankreich wurde, so gab in Deutschland der Zollverein den ersten Anstoß zu.einer freiern und mehr nationalen Centralisation der gewerblichen Verhältnisse, undrief so auch die ersten deutschen Gewerbeausstellungen ins Leben.
Die deutsche Industrieausstellung zu Mainz 1842.
Wie sehr die Regierungen des Zollvereins durch ihre Vereinbarung in Bezugauf Veranstaltung deutscher Industrieausstellungen dem Sinne und den Wünschen desVolkes im Ganzen entsprachen, bewies der allgemeine Beifall, mit welchem die vondem großherzoglich hessischen Gewerbverein im September 1842 zu Mainz veranstalteteAusstellung aufgenommen wurde. Zu dieser Ausstellung waren zum ersten mal „alleGewerbtreibende im gesammten deutschen Vaterlande" eingeladen. Dieselbe wurde vondem Lederfabrikanten Karl Deninger und dem Regierungsrath Hektor Rößler geleitet.Es nahmen an ihr 715 Aussteller theil. Die Ausstellung ging in dem großherzog-lichen Palais vor sich. Die Gegenstände waren theils in einem auf dem Hofraumeerrichteten Breterbau von mehr als 100 Fuß Länge, theils in den verschiedenenSälen und Zimmern des Palais sowie auf den Stiegen, Vorplätzen und Corridorenaufgestellt. Die Besorgnis, daß, trotz der günstigsten Stimmung der öffentlichenMeinung, die Industriellen selbst die Sache nicht allenthalben unter vorurtheilslosemGesichtspunkte auffassen würden, war indessen nur zu sehr gerechtfertigt: es ließ sichvon dieser Ausstellung durchaus kein richtiger Schluß ziehen auf den Stand des deut-schen Gewerbfleißes im Allgemeinen, oder selbst den eines einzelnen deutschen Landes.So anziehend der Anblick der mit Umsicht und Geschmack gruppirten Gegenstände war,blieb das Ganze doch nur ein erster schwacher Versuch, welcher aufzeigte, wie schweres sei, einer wenngleich patriotischen und nationalen Idee allgemeinen Eingang zu ver-schaffen, sobald das Privatinteresse des Einzelnen berührt scheint. Diejenigen Fabriken,deren Ruf fest begründet war, verschmähten es noch, mit wenigen Ausnahmen, dieAusstellung zu beschicken; andere wurden, da der Bau der Eisenbahnen erst in wenigenLändern Deutschlands begonnen hatte, durch die große Entfernung abgehalten, noch an»dere durch die Besorgnis, von mächtigen Concurrenten erdrückt zu werden. So kames, daß auch die hessische Industrie nur ungenügend repräsentirt war. Von Preußen,namentlich aus der gewerbreichen Rheinprovinz, war nur wenig da: nur Berlin undEupen hatten bemerkenswerthe Sendungen gemacht. Dagegen waren aus WürtembergTuche, Leinwand und Blechwaaren von vorzüglicher Schönheit vorhanden. Hannoverbrtheiligte sich fast gar nichs, ebenso Sachsen, der deutsche Fabrikationsherd. Östreichwar, wenn man die Schwierigkeiten erwägt, welche der Ausfuhr im Wege standen,die Entfernung beachtet und die hohen Zölle berücksichtigt, welche die Fabrikate beidem Übergänge in den Zollverein entrichten mußten, sehr zahlreich und, was dieQualität der Gegenstände betraf, sehr würdig vertreten: es zeigte schon damals,daß es den allgemeinen deutschen Interessen nicht fremd sein wolle. Daß einige sehr