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Die Industrieausstellungen?
IN die Schranke treten könnte; aber bei sorgfältiger Musterung aller Gruppen derAusstellung drängt sich die Gewißheit auf, daß fast jedes industrielle Produkt seinetüchtige Darstellung nur in irgendeinem besondern Theile Deutschlands findet. Hatman auch allen Grund, mit dem erreichten Stande im Einzelnen zufrieden zu sein,so kann man doch nicht verhehlen, daß der deutschen Industrie im Allgemeinen nochviel fehle. Wie schon früher bei andern Ausstellungen hervorgehoben wurde, zeigteauch die Münchener Ausstellung, daß bei vielen Waaren die letzte Vollendung fehlt,Das, was der Engländer „kimsking" nennt und worin uns der Engländer ein soNachahmungswerthes Vorbild ist. Ein vollendetes Product darf keinen Mangel zei-gen, es muß auch in allen Theilen, welche sich zunächst nicht dem Auge darstellen,in den Nebendingen, in dem. Unwesentlichen untadelhaft sein. Solange der deutscheIndustrielle aber, wie auf der Ausstellung zu bemerken war, an einem kostbarenWandschranke ein elendes Fabrikschloß anbringt, die Innenseite in dem Mittel-schranke eines Prachtmöbels kaum hobelt u. s. w., solange darf man nicht behaupten,daß der Sinn für vollendete Darstellung ein allgemeiner geworden sei, wenn er sichgleich als fortgeschritten gezeigt hat.
Die zur Beurtheilung der ausgestellten Gegenstände bestimmte Commission be-gann unter dem Vorsitze von Hermann's am 16. Juli — also am Tage nach derEröffnung der Ausstellung — ihre Thätigkeit. Unter den Mitgliedern der Commissionbefanden sich die Conimiffare der verschiedenen Staaten, hervorragende Fabrikantenund Professoren technischer Anstalten; wir heben hervor Weinlig, Hülße, Schubert,Stein aus Dresden, Karmarsch und Rühlmann aus Hannover, von Vicbahn, Wed-ding und Carl aus Berlin, Bilsinger und Holzmann, von Liebig, Pettenkofer, Kai-ser, Schafhäutl aus München, von Steinbeis, von Fehling aus Stuttgart, Redten-bacher aus Karlsruhe, Tunner aus Leoben, von Burg, von Auer, Reuter aus Wien,Oechelhäuser aus Mühlheim, Müller aus Gotha u. s. w. Die Zahl der Beurthei-ler stand mit der Größe der Betheiligung eines jeden Landes im Verhältniß, undzwar sollte auf je 100 Aussteller ein Preisrichter kommen. Die Jury hatte bisEnde August in den meisten Ausschüssen ihre Aufgabe gelöst. Die Commissionwar ermächtigt worden, würdig befundenen Ausstellern je nach dem Grade ihrerAuszeichnung Denkmünzen, und zwar größere unter dem Namen der „großen Denk-münze" und kleinere unter dem „der Ehrenmünze" zu ertheilen. Für geringere Lei-stungen sollte der Aussteller in dem Commissionsbericht lobend erwähnt werden.Gleichwie bei der londoner Ausstellung waren die Denkmünzen aus Bronze ge-fertigt. Es wurden zuerkannt 287 große Denkmünzen, 1036 Ehrenmünzen und1627 lobende Erwähnungen.
Die Ausstellung wurde Mitte October auf feierliche Weise geschlossen. Durchdie im August mit unerhörter Heftigkeit auftretende Cholera ward der Ausstellungein empfindlicher Schlag versetzt, der einen großen Theil der Erwartungen vernichtete,die sich an deren Ausführung knüpften. Der Nachtheil, nach allen Seiten hin, wärenoch weit größer gewesen, wenn die Seuche, welche die Straßen Münchens und seinenGlaspalast verödete, nur einige Wochen früher zum Ausbruche gekommen wäre. Sokonnten doch wenigstens zu Anfange und zu Ende einige Erfolge erzielt werden.Viele Tausende von Fremden konnten wenigstens in den ersten vier Wochen nach derEröffnung des Glaspalastes und nach dem Erlöschen der Cholera in der letzten Wochedie Ausstellung unbehindert besuchen. Mannichfache Geschäftsverbindungen vermochtenso immer noch angeknüpft zu werden, und die Beurtheilungscommissionen voll-endeten mit seltenem Eifer und anzuerkennender Ausdauer ihr schwieriges Geschäft.Immerhin aber war die Beeinträchtigung der eigentlichen Ausstellungszwecke durch dieSeuche groß, und auch der materielle Schaden, den das Land und seine Hauptstadterlitten, konnte als bedeutend gelten. Über den Glaspalast ist bis heute (April 1856)nicht verfügt: er wurde wiederholt zu Blumenausstellungen, Monstercsmerten, mili-tärischen Revuen und auch als Exercirplatz benutzt.
Die Gegenwart. XII. 33