Die Photographie. 605
und erläutert dann die einzelnen Vorgänge, welche bei den photographiern Versuchs-weisen in Anwendung kommen, soweit solches jetzt überhaupt möglich ist.
Vorstellungen der frühern Jahrhunderte von dem Wesen des Lichtes.
Zum Sehen der Körper wird von unserer Seite eine gewisse Thätigkeit erfo-dert; wir dürfen daher nicht erstaunen, wenn das Alterthum zuerst alle Lichtvorgängevom Auge abhängig machte', wenn es die Lichtbewegung, anstatt von den äußernGegenständen nach dem Auge hin, gerade umgekehrt, vom Auge ausgehen und dieäußern Gegenstände treffen läßt. Eine solche Vorstellung finden wir selbst noch in denErfahrungssähen, welche der Euklid's Namen tragenden Optik zugrunde gelegt sind.
Nicht unwahrscheinlich ist es, daß zur Befestigung dieser Ansicht auch noch dieGestalt unserer Augen sowie gewisse mangelhafte Beobachtungen, namentlich sub-jektiver Lichterscheinungen, beigetragen haben. So heißt es ;. B. in einer griechischenoptischen Schrift, als deren Verfasser gewöhnlich Heliodor von Larissa gilt: „DieGestalt unserer Augen, welche nicht hohl, noch so wie die andern Sinne eingerichtetfind, daß sie etwas in sich aufnehmen könnten, beweist, daß das Licht aus ihnenausströmt. Andere Gründe sind der Glanz der Augen, ferner der Umstand, daßEinige bei Nacht, ohne eines fremden Lichts zu bedürfen, sehen können, wie diesvon, Kaiser Tiberius erzählt wird, und daß die Augen der Thiere, welche des NachtSihrer Nahrung nachgehen, wie Feuer glänzen."*)
Da indessen die Rolle, welche eine solche Theorie dem gesehenen Körper zuwies,eine jedenfalls ungenügende war, wie zahlreiche tägliche Erfahrungen lehren mußten,so suchte man den Fehler zu verbessern. Einige nahmen daher an, daß das Licht nichtblos von den Augen, sondern ebenso auch von dem Gegenstände bis auf eine gewisseWeite ausströme, daß die beiderseitigen Strahlen einander entgegenkommen unddurch ihr Zusammentreffen die Empfindung des Sehens hervorbringen. (Plato'sSynaugie.)
Bei weitem bestimmter und den Erscheinungen mehr angemessen ist die Artund Weise, wie Aristoteles die Lichterscheinungen betrachtet. Für ihn ist das Lichtweder ein Körper, noch der Ausfluß eines Körpers; das Sehen erfolgt vielmehrdurch Bewegung eines durchsichtigen Mittels zwischen dem gesehenen Gegenstände unddem Auge. Das Auge, sagt Aristoteles, könne nicht feuriger Natur sein, wie EmpedvkleSund Plato im „Timäus" behauptet hatten, und das Sehen könne nicht geschehen, in-dem das Licht von dem Auge wie aus einer Laterne ausströme, sonst würdenwir ja auch im Finstern sehen. Das Auge müsse im Innern wässerig und durch-sichtig sein, weil der Sehnerv an der Hintern Wand desselben liege. Eine genauereAngabe über die Art der Bewegung des durchsichtigen Mittels, welche uns alsLicht erscheint, lag zu sehr außerhalb des Kreises des damals der menschlichen Ver-nunft Erreichbaren, als daß wir auch nur eine Andeutung derselben erwarten dürf-ten; Aristoteles vermag daher nur in ganz allgemeinen Kategorien sich auszudrücken,deren specielle Mittheilung hier kein Interesse hat.
Lucrez spricht seine Vorstellung vom Sehen in seinem Gedichte „0e rorumnsturs" nach der schönen Übersetzung von Knebel in folgender Weise aus:
Also sag' ich, es senden die Oberflächen der KörperDünne Figuren von sich, die Ebenbilder der Dinge;
Häubchen möcht' ich sie nennen und gleichsam die Hüllen von diesen;
Denn sie gleichen an Form und Gestalt dem nämlichen Körper,
Dem entflossen umher sie die freien Lüste durchströmen.
Weiterhin redet er davon, daß wir im Dunkeln beim Tasten mit der Hand dieMnge wiedererkennen, die wir im Tageslichte gesehen haben; daher müsse eine ähn-liche Ursache den Sinn des Gefühls und Gesichts erregen, und fährt dann fort:
*) Wilde, „Geschichte der Optik", I, 61 .