610 Die Photographie.
Fortbewegung der Körper bestehenden Analogie habe ich für passend gehalten, diefolgenden Lehrsätze (über Brechung des Lichts durch gekrümmte Flächen) zu opti-schen Zwecken beizufügen, ohne indessen über die Natur der Lichtstrahlen, ob sieKörper sind oder nicht, in irgendeiner Weise zu entscheiden, sondern nur um die denTcajeetorien der Körper sehr ähnlichen Bahnen der Lichtstrahlen zu bestimmen." Undin eben dieser Weise spricht er sich auch in der später (I70-!) erschienenen „Optik"aus: „Die Lichtstrahlen, mögen sie kleine fortgeschleuderte Körperchen oder nur Be-wegungen oder irgendeine fortgepflanzte Kraft sein, bewegen sich in geraden Linienu. s. w.", wie denn überhaupt seine ganze „Optik" nach der in den ersten Zeilen ab-gegebenen Erklärung nicht den Zweck hat, die verschiedenen Lichterscheinungen durchdie Annahme gewisser Hypothesen zu erklären, sondern einfach dieselben durch dieVernunft und Experimente darzuthun.
Bei der Sicherheit und Bestimmtheit der von Newton in seinen Principienaufgestellten Lehren konnte es nicht fehlen, daß den unter ihnen befindlichen soebenerwähnten Sätzen über das Licht dieselbe allgemeine Gültigkeit beigelegt wurde, welcheden übrigen mechanischen Sätzen zukommt, und daß man denselben eine physischeBedeutung zuschrieb, obwol Newton, wie wir sahen, ausdrücklich erklärte, daß er dieFrage über die physische Beschaffenheit nicht entscheiden und nur auf die mathema-tische Behandlung sich einlassen wolle. So erhielt denn im vorigen Jahrhundert undim Anfange des jetzigen die sogenannte Emanationstheorie fast alleinige Geltung.
Nach dieser Emanationstheorie besteht das Licht aus materiellen Körperchen,welche von den leuchtenden Körpern nach allen Richtungen mit der oben schon an-gegebenen ungeheuern Geschwindigkeit ausgestoßen werden, und sobald sie die Netz-haut des Auges treffen, die Empfindung des Lichts hervorrufen. Diese kleinen Kör-perchen erleiden von Seiten der Molecule anderer materieller Körper Anziehungenund Abstoßungen, die aber nur bis auf sehr geringe Entfernungen von diesen Mo-leculen wirken und für die verschiedenen Substanzen verschiedene Werthe haben. DieseHauptsätze genügen aber nicht, um alle bekannten Lichtphänomene nach dieser Theo-rie zu erklären; es bedarf neuer Hülfshypothesen, deren weitere Auseinandersetzungindessen hier überflüssig wäre, da sie doch zu einer wahren Erklärung der Lichtphäno-mene unzureichend sind.
Das Licht besteht in Schwingungen.
Im Laufe des vorigen Jahrhunderts suchte Euter die Vibrationstheorie zu ver-theidigen; da er indessen nicht neue Thatsachen zu ihrer Unterstützung beibrachte, sovermochte er die Emanationstheorie nicht aus dem Felde zu schlagen, die noch zuAnfang dieses Jahrhunderts von Laplace, Malus (dem Entdecker der Polarisationdes Lichts) und auch später noch von Biot nnd Brewster vertheidigt wurde.
Erst als mit dem Anfange dieses Jahrhunderts durch Aoung und bald daraufauch durch Fresnel die sogenannten Jnkerferenzerscheinungen, d. h. diejenigen^ Licht-erscheinungen, welche durch das Zusammentreffen zweier oder mehrer Wellenbewegun-gen in einem Punkte entstehen, einem genauern Studium unterworfen und ihre Un-vereinbarkeit mit der Emanationstheorie nachgewiesen wurde, gewann die Vibrations-theorie den Sieg über die bis dahin geltende Emanationstheorie, ein Sieg, derdurch die Untersuchungen von Fresnel, Cauchy u. A. über die Doppelbrechung, Po-larisation und Farbenzerstreuung (Dispersion) vollständig gemacht wurde, sodaß siejetzt ganz allgemeine Geltung gewonnen, und auch die letzten Kämpfer für die Ema-nationstheorie, Biot und Brewster, wenn auch dieser Theorie nicht formell entsagt,doch ihren Widerstand gegen die Vibrationstheorie aufgegeben haben. In den letz-ten Jahren ist übrigens die Unrichtigkeit der Emanationstheorie auch noch außer durchdie Interferenzen mittels eines andern Versuchs dargethan worden. Schon oben wurdeerwähnt, daß die Emanationstheorie zu der Annahme genöthigt ist, das Licht bewegesich in einem dichter» Mittel schneller als in einem dünnern, während gerade dasUmgekehrte nach der Vibrationstheorie stattfinden muß. Der zuerst von Arago aus-