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Zwöflter Band.
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Die bildenden Künste.

seinen eigenthümlich großen Formensinn; dagegen verstand es Overbeck, dem Motivder sieben magern Jahre eine erschütternd tragische Wirkung abzugewinnen. Eben-bärtig steht ihm Veit hier zur Seite, dessen Darstellung der fetten Jahre durch dieSchönheit der Composition und den glücklichen Humor der Darstellung schwerlich ihresGleichen findet.

Ein weiteres Zusammenwirken des deutschen Künstlerkreises, der sich im zweitenJahrzehnt» dieses Jahrhunderts in Rom zusammengefunden, verwehrte das Schicksal.Ein Genosse nach dem andern schied, um aus heimischem Boden selbst der Kunst zuleben und ihre Entwickelung weiterzuführen. Cornelius folgte einem Rufe nach Düssel-dorf, um bald darauf diesen Aufenthalt mit München zu vertauschen; Schadow nahmseine Stelle als Director der düsseldorfer Akademie ein; Veit siedelte sich in Frank-furt an; Führich wirkte in Wien; Schnorr wurde gleichfalls seiner Heimat wieder-gegeben. Overbeck allein konnte sich von Rom nicht wieder trennen: mit dem Glau-ben gab es ihm auch ein neues Vaterland. Wie er einzig und allein noch auf demältesten Schauplatze der Thätigkeit des berühmten Kreises ausharrte, so schloß er aucham frühesten seine Entwickelung ab. Namentlich im Verhältniß zu Cornelius vertrittOverbeck den Standpunkt, .welcher sich am Beginn des künstlerischen Neulebens imchristlich-romantischen Gewände geltend machte und bisjetzt den glänzendsten litera-rischen Ausdruck in den Schlegelffchen Schriften gefunden hat. Es ist daher billig,daß wir die eingehende Besprechung der deutschen Kunst mit ihm und seinen Ge-sinnungsgenossen, den sogenannten Nazarenern, beginnen.

I) Overbeck und die Nazarener.

In der Regel nähern wir uns nur mit Mißtrauen und tief wurzelnden Vor-urthcilen den Werken moderner religiöser Maler. Wir haben von Goethe denWiderwillen gegen diese „Fastenprcdiger mit dem Pinsel statt mit dem Kreuze in derHand" geerbt und sind selten geneigt, dem „Haffe" der freien Formen, der empfohlenenKunstascese lautere Motive zu unterbreiten. Was wir häufig als vielbelobte Musterder modernen religiösen Kunst gewahren, ist auch schlecht geeignet, diese Abneigungzu brechen. Wir können vom ästhetischen Standpunkte unmöglich zugeben, daß derVerzicht auf jedes selbständige Schaffen, das unbedingte Wiederholen des mittel-alterlich-historischen Ideals einen lebendigen, entwickelungsfähigen Stand der Kunstbedeute. Den absoluten Verehrern der Antike würden wir das gleiche Bedenken ent-gegenhalten, daß die, bloße Restanratson kein nachhaltiges Gedeihen verspreche. Aberselbst im Falle der Übereinstimmung mit dem allgemeinsten Grundsätze der Nazarener,selbst wenn wir die ideale Geltung der mittelalterliche» Kunstformen zugestehen,können wir den weiter» Artikel ihres Glaubensbekenntnisses: die Verachtung desHeidenthums, d. h. der Antike nicht unterschreiben, und zwar einfach aus dem Grunde,weil wir diese Verachtung dem Geiste der mittelalterlichen Kunstanschauuug selbstwidersprechend finden. Oder sollten wir mittelalterlicher gesinnt sein als das Mittel-alter selbst? Keine einzige Periode der mittelalterlichen Kunst kann ausgewiesenwerden, welche die Anlehnung an antike'Formen und Ideen grundsätzlich verschmäht,welche nicht die Mischung des antiken Vorstellungskreises mit dem christlichen Bewußt-sein mit naivem Sinne duldet, am Studium antiker Formen sich auffrischt. Der Phi-losoph mag darin einen Ausdruck des unaufhörlichen Kampfes zweier Weltanschauun-gen erblicken, jeder unbefangene Künstler wird es als das Streben, den unausgebildetenFormensinn an der vollendeten und abgeschlossenen Kunst der Antike zu corrigiren,erklären und deuten. Es ist nicht nöthig, zu beweisen, daß die altchristliche Kunstdas Formengerüste der Antike entlehnte; weniger bekannt dürfte es sein, daß auch inder Blütezeit des romanischen Stils die Plastik auf die antike Formengebung zurück-geht, daß auch im 13. Jahrhundert einzelne Künstler, z. B. Vilars von Honecourt,Denkmäler des Alterthums studiren und im 14. Jahrhundert ihre genauere Kennt-niß den mächtigen Aufschwung der italienischen Sculptur bewirkt. Die Renaissanceder Antike wird im Cinquecento nur abgeschlossen, ihr Anfang muß um viele