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Die bildenden Künste.
Jahrhunderte früher angesetzt werden; ja eigentlich beginnt das mittelbare Lebender Antike als formeller Kanon in demselben Augenblick, in welchem das un-mittelbare zu Ende geht. Da wir nun im Mittelalter selbst das Gegentheil dermodernen Nazareneranschauungen walten sehen, so liegt die Vermuthung nahe, hin-ter der Verachtung reiner Formenschönheit berge sich die Unfähigkeit zu vollendeterAunstsch'öpfung. Gerade wie so manche deutsche Maler auf alle Coloritwirkungenschmähen, weil sie dieselben, durch ihre falsche Jugendbildung verdorben, nicht erreichenkönnen, so predigen einzelne religiöse Maler gegen die sündige Fleischeslust in derMalerei, weil es ihnen an reichen Naturstudien und anatomischen Kenntnissen man-gelt. Wir wollen aber nicht übertreiben. Mag dies Alles von den untergeordnetenNachkretern der religiösen Richtung gelten, von ihrem Stifter, von Overbeck, Ähn-liches zu behaupten wäre ein grobes Unrecht. Wer jemals Gelegenheit hatte, denhalbverklärten Greis in seinem Studio, im Palast Ccnci, zu betrachten, der überzeugtsich auch, daß in Overbeck jene Anschauungsweise zur tiefsten persönlichen Empfindungsich verdichtet hat. Die Züge seines Antlitzes selbst haben etwas von dem Schnitteseiner künstlerischen Vorbilder erhalten, und wie er in seiner Jugend an Rafael erinnerthaben soll, so tritt uns in seinem spätern Wesen der vollendete kunstliebende Kloster-bruder entgegen. Overbeck's Frömmigkeit soll nicht seine Kunstfertigkeit ersetzen, sieist vielmehr die Quelle seiner besten und glänzendsten Schöpfungen: er ahmt nichtallein in seinen Bildern „den seligen Fiesole nach, seine Natur selbst hat ein ähnlichesGepräge empfangen. Über Overbeck's Entwickelungsgang und Wirkungskreis habenwir schon Einiges bemerkt. Noch während er in Wien arbeitete, entwarf er nachder Fertigung seines ersten Ölbildes: Christus bei Lazarus, die große Composition desEinzugs Christi in Jerusalem, welches Werk, wie die meisten größer» ArbeitenOverbeck's erst nach einem längern Zeitraum (1827) vollendet, noch mit einem an-dern Bilde — der Grablegung Christi — die lübecker Marienkirche schmückt. Alsdie ältesten römischen Arbeiten werden die Anbetung der Könige (im Besitze desKönigs von Baiern) und die Kreuzigung (Handzeichnung, im Besitze Schadow's)angeführt. Ihnen folgten die Freskomalereien im Bartholdi'schen Hause und in derVilla Massimi, dann, außer kleinern Gemälden (Christus am Ölberg für das Ham-burger Krankenhaus, Germania und Jtalia, Porträt der Viktoria Caldoni in derMünchener Neuen Pinakothek), die Ausführung der Jndulgenz des heiligen Franciscus,in der Kirche Degli Angeli unterhalb Assist auf der Vorderwand der Portiuncula-kapelle (1827—30). In den dreißiger Jahren beschäftigte ihn vorzugsweise der imAuftrage des Städel'schen Instituts gemalte Triumph der Religion in der Kunst.Kleinere Bilder und namentlich auch viele Zeichnungen, an welche Overbeck die Handanlegte, verzögerten die Vollendung des nächsten größer» Werks: die Himmelfahrtder Madonna für den Kölner Dom, bis in das Jahr 1858. Gegenwärtig arbeitetder durch eine Reise nach der nordischen Heimat aufgefrischte Meister an einemKreuzwege und der Darstellung der sieben Sakramente.
Overbeck's Werke lassen sich ohne allen Zwang in zwei Gruppen scheide».Während er in der einen Gruppe, zu welcher außer den lübecker Bildern auchdie durch den Stich vervielfältigten allbekannten Handzeichnungcn des Meisters ge-hören, seinen tief innigen Empfindungen einen läutern Ausdruch" verleiht und eineeinfache lyrische Stimmung, eine religiöse Hebung des Gemüths im Beschauer her-vorruft, sucht er in der andern Gruppe durch die Entfaltung eines reichen sym-bolischen Gedankengehalts zu wirken, und legt auf die ideelle Bedeutung der Com-position, auf das Poetische derselben, den kräftigsten Nachdruck. Die gegenwärtigin Deutschland herrschenden Kunstmeinungen sprechen dieser letztem Richtung den Vor-rang vor allen übrigen Bestrebungen zu: das Dichten und Denken in Farben undLinien erscheint als der höchste Zweck der Kunst, als die endliche Rückkehr zu derwahren und ewigen Natur des Schönen. Overbeck's Triumph der Religion odttder christliche Parnaß, wurde als eine „europäische Erscheinung" begrüßt, und auchvon Solchen, die Einzelheiten zu bemängeln fanden, als ein „bedeutsames Ganze