Die orientalische Frage. 813
von seinem Reiche ganz unabhängig erklärt waren." Der französische BotschafterSt.-Priest in Konstantinopel nennt das Benehmen Rußlands die höchste Stufe derUnverschämtheit, und ereifert sich über die Treulosigkeit, mit welcher Rußland, inderselben Stunde, in welcher ein Handels- und Freundschaftsvertrag unterzeichnetward, die Pforte durch einen solchen Gewaltstreich zum Kriege herausfodere.
Es war nämlich am 21. Zuni 1783 in Konstantinopel ein Vertrag unter-zeichnet, welcher den russischen Unterthanen aufs neue bedeutende Vortheile zusicherte.Das Einverleibungsmanifest war vom 19. April 1783 datirt, aber bis nach Unter-zeichnung jenes Vertrags geheimgehalten.
, Daß das Alles so vor sich gehen konnte, ohne daß eine fremde Macht dazwischen-
trat , daß die Pforte selbst die Einverleibung der Krim sich gefallen ließ und erstvier Jahre später an Rußland den Krieg erklärte, das setzt allerdings Ursachen voraus,
> wie sie uns nur durch einen Blick auf die Beziehungen der europäischen Mächte zu-einander klar werden können.
Diplomatische Geschichte der Einverleibung., — Frankreich und Östreich.
Frankreich ganz allein, oder richtiger gesagt, der Minister Vergennes, hat das! volle Bewußtsein der Wichtigkeit Dessen, was in der Krim vorgeht. Vergennes sucht^ Himmel und Erde in Bewegung zu setzen. Vergebens. Daß England und Frank-reich getrennt sind, ist allerdings der erste, der verderblichste Stein des Anstoßes.England und Frankreich getrennt, das ist ein Freibrief für Rußland im Osten.
Wem auch nur die allgemeinsten Umrisse der Begebenheiten gegenwärtig wären,der würde sich auf die Parteinahme Frankreichs für die abgefallenen englischen! Pflanzungen in Nordamerika besinnen. Auch hat der Friede von Versailles wol! dem Kriege ein Ende gemacht, aber nach hundertjährigen, nur durch kürzere Fristen derWaffenruhe unterbrochenen Kämpfen, wie hätte da das Vertrauen so schnell herge-stellt werden sollen. Je weniger ein englisch-französisches Bündniß — das wirksamste, das, einzig wirksame vielleicht gegen Rußlands Übergriffe — zu erreichen war, um so unver-drossener warb Frankreich um Gehör und Unterstützung in Wien, in Berlin, selbst(denn eS gibt nichts Neues unter der Sonne) in Turin. Diese Bestrebungen ge-j reichen unzweifelhaft zu Frankreichs Ehre, werfen eine so unverkennbare Glorie derKonsequenz auf Frankreichs neueste Politik, daß der Kaiser der Franzosen die Beweis-^ stücke aus dem Archiv hat hervorziehen und dem „Noniteur" (30. Zuni, 1. Zuli 1853)übergeben lassen.
>, Diese Aktenstücke gehen nicht weiter zurück als zum Jahre 1783. Wenn man! weiß, daß ein französischer Gesandter, wie wir eben berichtet haben, Pier Jahre zuvor! die Türken zur Nachgiebigkeit gegen Rußland gestimmt hatte, so fragt man sich,was denn in der Zwischenzeit der französischen Politik die ^veränderte Richtung ge-geben. Ohne Zweifel war eS die bedenkliche Annäherung Ostreichs an Rußland.
> Noch im Jahre 1777 hatte Kaiser Joseph sich bemüht, das Kaunitz'sche Bündnißzwischen Frankreich und Ostreich engerzuziehen, um gemeinsam die Pforte gegenRußland zu schützen. Damals war Vergennes blind. Er meinte Rußland sei durchden letzten Krieg erschöpft, für die Türkei habe es keine Noth, und er sah nicht,daß er durch sein Ablehnen Joseph ins russische Feldlager dränge.
. Daß es dem Kaiser Joseph mit Aufrechthaltung des Besitzstandes von Kutschuk-1 Kainardschi besonders Ernst sei, ließ sich freilich kaum annehmen. Hatte doch Josephnach dem Friedensschlüsse seinem frühern Verbündeten, dem Sultan, einen Districtder Moldau, die Bukowina weggenommen, oder vielmehr von Rußland, das ihnerobert hatte, sich denselben übergeben, und die neue Erwerbung durch eine geheim-i nißvolle Unterhandlung, durch eine Reihe von Verträgen (die selbst bei Neumann sichnicht vollständig finden) von dem Sultan förmlich abtreten lassen. Aber Vergennes hättedarin eine Probe von Joseph's Ländersucht erkennen, und hätte einsehen müssen, daß< dieselbe maßlos anschwellen werde, wenn Östreich, von Frankreich kühler behandeltvder zurückgeschoben, auf Rußlands Bündniß sich angewiesen finde.