974 Die orientalische Frage.
den. Aber wie hätte es ihm einfallen sollen, seine Nationalität zn verleugnen? Viel.mehr ging sein Streben dahin, die Nationen Europas zum Bewußtsein der gemein-samen Gefahr zu wecken und zu Maßregeln der Abwehr zu vereinigen.
I» der Presse ist er zuerst durch ein größeres Werk: „Die Türkei und ihreHülfsquellen " (1833), aufgetreten, das die Ergebnisse seiner wesentlichsten Untersu-chungen enthält, dann durch einige Flugschriften über die politische Lage. DerWiderhall in England war ein so bedeutender, daß die periodische Presse nickt al-lein seinen Arbeiten ungewöhnliche Aufmerksamkeit widmete, sondern daß Aufsätzeaus seiner Feder oder in seinem Sinn ein stehender und einer der begehrtesten Ar-tikel aller größern Zeitschriften wurden. Es ist bemerkbar, daß die Organe allerParteien, mit einziger Ausnahme der Manchesterschule (damals, im Kampf gegen 'die „Russophobie", hat Cobden seine Sporen verdient) wetteifernd ihren Lesern Be-lehrung über die östlichen Verhältnisse und über den Beruf Englands boten, denrussischen Übergriffen ein Ziel zu setzen.
Indessen, wahrend Urquhart, man darf wol sagen, die englische Presse zu sei-ner Verfügung hatte, war er zugleich thätig, auf die Regierung dircct einzuwirken.Schon früher war er durch Sir Herbert Taylor dem König persönlich bekannt ge-worden. Nachdem er zum dritten male aus dem Osten heimgekehrt, ward er einhäufiger Gast in Windsor.
Wilhelm IV. war Seemann, durch seinen frühern Beruf, aus Neigung undvon ganzem Herzen. Urquhart's Beredtsamkeit und Sachkenntnis ließ den König >das Sinken der britischen Seemacht als unausbleibliche Folge der Fortsetzung einer !unheilvollen Politik im Osten erblicken. Es ist wahr, Großbritannien hat viele Sta-tionen gleichzeitig zu bewachen. Um so besser muß es gerüstet sein. Wenn unzei-tige, kümmerliche Sparsamkeit es unmöglich gemacht hatte, dem Hülferus des Sul-tans Gehör zu geben, wer bürgte dafür, daß nicht eines schönen Morgens die rus-sische Flotte mit Besenreisern an den Masten durch den Kanal fahren würde? DieSchmach wenigstens sollte nicht in Wilhelm's IV. Tagen sich zutragen. Also essollte und mußte anders werden.
Soweit ist nun Alles in der Ordnung. Wer will Urquhart tadeln, daß erden Weg nicht verschmähte, auf Wilhelm IV. einzuwirken? Wer hätte sich nicht ein ^Gewissen daraus gemacht, einen solchen Weg, der sich ungesucht dargeboten, unbe-nutzt zu lassen? !
Und doch ist dies der Punkt, von welchem das Mißlingen von Urquhart's Le- ^bensaufgabc, das Schiefgehen seiner öffentlichen Laufbahn allein zu erklären ist.
Zn einer parlamentarischen Regierung ruht, wie der Name besagt, der Schwer-punkt im Parlament. König, Lords und Gemeine sind die Faktoren — und in derWeise, daß, wie Jedermann weiß, im Lauf der Zeit und der unaufhaltsamen Ent-wickelung die Macht dem Unterhause zugefallen ist. Die Regierung kann nur ge-führt werden durch Männer, welche die Majorität im Unterhause haben. SeitdemWeder dse Krone noch das Oberhaus, ohne die eigene Existenz aufs Spiel zu stellen, jan die Übung des nominell nicht abgeschafften Veto denken darf, kann die Regierung, !sofern das Unterhaus wacht und -nicht (wie es manchmal thut) schläft, nur der Aus-druck der Majorität des Unterhauses sein. Nun ist noch die öffentliche Meinungvorhanden, um auf das Unterhaus einen Einfluß zu üben. Wir reden nickt vondem Eindruck, den die Presse auf diesen oder jenen Einzelnen durch ihre Erörterun-gen machen kann, denn dies ist rein individuell und steht außerhalb des politischenOrganismus. Sondern es ist vorhanden der Weg der großen Versammlungen undder Petition, oder, was in letzter.Zeit immer gebräuchlicher wird, der Bedrückungder Mitglieder durch eine Deputation ihrer Wähler. Auch kann, wie JedermannWeiß, die Krone kraft ihrer gesetzlichen Prärogative zur Auflösung schreiten, und mit-tels neuer Wahlen der öffentlichen Meinung die Entscheidung eines Conflicts in die ^Hand geben.
Dies sind die Mittel und Wege, durch welche nach der heutigen Praxis der