Die orientalische Frage. 975
englischen Verfassung auf die Entschließungen der Regierung ein bestimmender Ein-fluß geübt wird.
Dem Staatsoberhaupt ist allerdings unbenommen, seine Überzeugungen auf ir-gendeinem beliebigen Wege sich zu verschaffen und sie zur Geltung zu bringen, so-fern die Mehrheit des Unterhauses damit einig ist, daß sie zur Geltung gebrachtwerden. Aber eine Einwirkung-auf das Staatsoberhaupt und durch das Staats-oberhaupt auf die Regierung von anderer als parlamentarischer Seite her, das istein Experiment, welches immer zunächst von den Ministern mit großer Eifersucht undAbneigung wird betrachtet werden.
Urquhart und Lord Palmerston.
Dies Experiment war es, was Urquhart nicht ablehnte, weil er die Auffode-rnng dazu auf seinem Wege fand, weil Sir Herbert Taylor's Erfahrung und Per-sonenkcnntniß ihn dabei ermurhigte. Er ist dennoch daran gescheitert und mußtedaran scheitern.
Bei jedem ähnlichen Versuch, er sei unternommen von wein und zu welchemEndzweck er wolle, denkt man unwillkürlich an die Hintertreppe der Königin Anna.Indessen die Sache hat in diesem Fall noch ihre besondere Physiognomie. Das Ver-hältniß zwischen Urquhart und Lord Palmerston wird schon wegen der von dem Er-stern gegen den Letzter» erhobenen Anschuldigungen jederzeit eine Stelle in der Ge-schichte der östlichen Frage behaupten. Umsomehr wird eS der Mühe werth sein,den Anfängen dieses Verhältnisses, soweit es möglich, nachzugehen.
Lord Palmerston, man mag über ihn urtheilen wie man wolle, war ein Mannvon amtlicher Routine, was in auswärtigen Angelegenheiten für einen Engländer eineseltene Befähigung ist. Er war ein Mann von wohlerworbener parlamentarischerStellung, und nicht eben geneigt, diese seine Vorzüge gering anzuschlagen, wenn auchmit den Jahren seine Vorstellung von seiner Unentbehrlichkeit und die Lust dieselbegeltend zu machen, zugenommen haben mag.
j Nun erscheint in Windsor, auf einen beginnenden literarischen Ruf, auf Reise-
erfahrungen und vor allem auf des Königs Gunst gestützt, ein viel jüngerer Mann,
! der in Bezug auf den Orient und weit über diesen Kreis hinaus Alles besser weiß.Und es ist für uns kein Zweifel, daß er es besser wußte, unendlich viel besser. Aberwenn er nun ungenirt Lord Palmerston zu verstehen gab, Alles, was er, der edleLord, bisjetzt im Osten gethan oder gelassen, sei grnndverkehrt — war Palmerstonwol der Mann, sich Das sagen zu lassen, ohne sich verletzt zu fühlen? Vielmehrstand geschrieben: „Das ist eine harte Rede, wer mag die hören?" Er war wolnoch Hofmann genug, um seinen Verdruß nicht stark hervortreten zu lassen, derKönig war ja mit seinem jungen Schützling einig; später hat Lord Palmerston inseinem Unentbehrlichkeitsgefühl (die Königin hat durch Lord John Russell dem Un-terhause die Beweise vorlegen lassen) auch in sein Verhältniß zur ersten Person imStaat mehr Rückstchtlosigkeit getragen. Bekämpfte er immer zuerst Urquhart's Vor-j schlage (dieser versichert, es sei damals und deshalb schon Verdacht bei ihm aufge-i stiegen), so gab er zuletzt immer nach und schien allmälig auf Alles einzugehen.
> Urquhart war im Begriff wieder eine große Reise nach dem Osten anzutretenzer wollte zu Reformen in der Türkei mitwirken und andere Zwecke an Ort undStelle verfolgen. Er war auf einem Abschiedsbesuch beim König in Windsor, als Lord
! Palmerston ihn plötzlich (August 1833) zum Gesandtschaftssecretär in Konstantinopelernannte. Wir citiren nun nach einem Dictat von Urquhart, das seit 1841 in unsernHänden ist und das damals von uns für die Skizze am Schluß des „Conversations-Lexikon der Gegenwart", B d. 4, Abkh. 2, S. 747, benutzt worden: „Lord Palmerstonwollte natürlich, daß ich sofort abreisen und. die Dinge in ihrer alten Lage lassen
> sollte. Ich verweigerte,-uuf den Posten abzugehen, wenn nicht die Regierung ohneRückhalt (lrankl^) Maßregeln angenommen und zu Ende geführt haben würde, ummeine Erwartungen zu verwirklichen. Ich blieb deshalb noch ein Jahr in England,