Die orientalische Frage. 977
Minister genommen; hätte er das gethan in der schwerlich irregehenden Erwartung-die öffentliche Meinung begehre eine veränderte energische Politik gegen Rußland,die Sache würde ohne direete parlamentarische Anregung ungewöhnlich und auffal-lend gewesen, aber sie würde von der Presse gutgeheißen, vom Parlament als einPfand für die Zukunft betrachtet worden sein. Anstatt dessen soll der Minister seinePolitik andern, infolge der magisteriellen Belehrungen eines Mannes, dem er, derMinister, zuerst eine amtliche Stellung gegeben, und der diese Stellung vor allenDingen dazu benutzt, dem Wunsche seines Chefs ein volles Jahr hindurch zu trotzen.
Das „kortkolio" und die britische auswärtige Politik.
Indessen hat Urquhart den langen Urlaub, mit welchem er seine amtliche Stel-lung begann, noch in anderer Weise ausgefüllt. Am 28. Nov. 1835 erschien dieerste Nummer eines Journals in zwanglosen Heften, des „kortkolio", das ein ganzunbeschreibliches Aufsehen von einem Ende Europas zum andern erregte. Es wardie Sprache,„die man allerdings schon kannte, mit neuer Wucht gegen Rußland ge-führt, die Überzeugung, daß Rußland die Politik aller andern Cabinete leite, unddaß nur ein nationaler Aufschwung der Völker, eine Ermannung der Regierungenden Fortschritten Rußlands auf dem Wege der Alleinherrschaft Einhalt thun könne.Aber hier war nicht allein scharfsinnige Combination zerstreuter Thatsachen, hier wa-ren diplomatische Beweise; geheime russische Aktenstücke, bestimmt, dem Blick derWelt und vor allem dem englischen Cabinet für immer verborgen zu bleiben. Wo-her stammten diese merkwürdigen Enthüllungen? Bei der Frage nach der Echtheitblieb Niemand stehen; die französischen und deutschen Urschriften folgten der zuerstgelieferten Übersetzung auf dem Fuße nach; daß sie nicht auf dem Bureau der Re-daction entstanden seien, dafür sprach z. B. der Grund, daß Diejenigen, welche sieveröffentlichten, ein deutsches Aktenstück weder correct abzudrucken noch immer richtigzu übersetzen verstanden. Die Hauptsache aber: es ist nie der Schatten eines Ver-suchs gemacht, die Echtheit in Zweifel zu ziehen, und Rußland hätte das dringendsteMotiv gehabt, sie, wen» es möglich war, zu leugnen. Auf dem Festlande legte mansich schnell die Sache so zurecht: diese Aktenstücke sind irgendwie in den Besitz derenglischen Regierung gelangt (ein goldener Schlüssel erschließt auch die Archive), unddie Regierung veröffentlicht dieselben. Man erwartete die Kriegserklärung, die derPublication der dresdener Ärchivstücke durch Friedrich den Großen (1756) allerdingsvorausgegangen war. Das „kortkolio" selbst widersprach: die englische Regierung habeden Herausgebern keins der Aktenstücke mitgetheilt, sie besitze kein gesetzliches Mittel,die Redaction von der Herausgabe zurückzuhalten. Aus verschiedenen Quellen seiendie einzelnen Stücke entnommen; nur Rußland habe ein Recht, sein Eigenthum zu-rückzufedern.
Während die Neugier in Vermuthungen sich erschöpfte, machten Andere auf-merksam auf die unterscheidende Eigenthümlichkeit des begleitenden Naisonnements.Überall waren die nationalen Interessen den Teydenzen und Schlagwörtern der poli-tischen Parteien gegenübergestellt. Die Thatsachen kamen allerdings dieser Auffassungzu Hülfe. Auf dem Festlande war es den meisten Politikern ein ganz neuer Ge-danke, daß der Fürst Metternich mit all seinem Absolutismus doch nicht der Freund,sondern der Gegner, der gefürchtete Gegner Rußlands sein sollte. Wenn man dieDepeschen studirte, so war allerdings die Thatsache nicht zu leugnen. Ranke hatspater vom „kortkolio" gerühmt, es sei die erste ein europäisches Aufsehen machendeSchrift gewesen, welche das Vorurtheil, widerlegt habe, als ob eine Gleichartigkeitder politischen Anschauung auch eine Gemeinsamkeit der Interessen begründe. „ESsprang ins Auge, daß der Eindruck gutentheils auf Deutschland berechnet sei. Ost-reich bei seinem Widerstand gegen Rußland zu erhalten, Preußen in dem Strebennach selbständiger Bewegung, von welchem es Symptome zu erkennen gab, zu be-stärken, beiden zu zeigen, daß es nicht der Revolution in die Hände arbeiten heiße.Die Gegenwart. XII. 62