Band 
Erster Band. A - G.
Seite
357
JPEG-Download
 

Baumwollengarn

357

Baumwollenmanufaktur

Probe eine gewisse, festgesetzte Anzahl Schneller (Strähne)zusammen zu wiegen, oder zu erforschen, wie viele Schnel-ler auf ein bestimmtes Gewicht gehen. Man kann aberauch so verfahren, daß man blos einen einzigen Schnellerabwiegt und aus seinem Gewicht die Nummer des ganzenGarnes herleitet.

Das Baumwollengarn wird in Strähne oder Schnel-ler gehaspelt. Ein solcher besteht aus 7 Gebinden; jedesGebind, Leo oder VVrap, mit 80 Fäden, je ein Faden11/2 Yards, also 1 Gebind --- 810 Yards. In Frankreichmißt seit 1820 der Umfang des Haspels, äsviäoir, gesetzlich1128,37 Millimeter; 70 Faden in dieser Länge machen einGebind, eclievelle, 10 Gebinde 1 Strähn, öckovoau, also1000 Meter — 1,093,73 Yards. Der französische Strähnist also 232 Meter — 233,73 Yards länger als der eng-lische. Nach diesem Verhältniß sind natürlich die Nummernder Garne in Frankreich und England verschieden, so daßdie franz. Nummer 17 der engl. Nummer 20 gleich ist.Früher hielt der französische Strähn 623 Ellen. Der eng-lische Strähn ist in den deutschen und schweizer Spinnereiengebräuchlich. In Oesterreich hat der Strähn 7 Gebind, je100 Faden, den Faden zu 2'^ wiener Ellen, der ganzeSträhn also 1,483 Ellen ---- 1,263.829 Yards, und derösterreichische Strähn 499 wiener Ellen — 423 Yards mehrals der englische.

Die Nummern, mit denen das Baumwollengarn be-nannt und unterschieden wird, bezeichnen dieAnzahl Strähne,welche aus 1 Pfund Baumwolle gesponnen werden können.

Vergl. die Artikel Ba um wollen ma nufaktur undBaumwollenspinnerei.

Das Baumwollengarn wird entweder immer gleich inden Manufakturen, worin man es spinnt, zu Zeugen ver-webt, oder es wird verschickt. Von Wassergarn werden ge-wöhnlich 10 Pfd., von Mulegarn 3 oder 6 Pfd. zusammeneingepackt. Jenes wird gewöhnlich mit grauem, dieses erstmit weißem oder hellbraunem und dann mit grauem Papierumwickelt. Vermöge einer eigenen Packmaschine werdendie Päckchen ganz fest zusammengeschraubt. Das West-garn wird zur Versendung meistens gehaspelt, aber un-nöthigerweisc; denn vor dem Weben muß das Garn dochwieder auf Spuhlen gebracht werden. Die Versendung ge-schieht daher am zweckmäßigsten in Cops d. h. so, wie esvon der Spuhle kommt. Iteoleü-VVoit ist gehaspeltesund in Strähne gebundenes Garn, und llop-IVoli dasGarn, wie es von der Spuhle kommt; beide Benennungenbezeichnen also keine verschiedene Qualität. Ei» PäckchenWest hält gewöhnlich 12 Pfund. — In England liefert be-sonders Manchester die vorzüglichsten Baumwollengarne.An Deutschland zeichnen sich die sächsischen, preußischen undösterreichischen Fabrikate aus, doch kommen sie den engli-schen nicht gleich. — Das echt dunkelroth (türkischroth) ge-färbte Garn kommt als Türkisch Garn in den Handel.SeineFarbe ist so dauerhaft, daß sie sich weder durch Sonne,noch Wind, Wetter oder Waschen verändert; ja nach demWaschen selbst noch lebhafter und schöner wird. Früherwar die Kunst des Türkischrothfärbcns ein Geheimniß derOrientalen, und alles türkische Garn mußte aus der Türkeibezogen werden; aber in der Mitte des vorigen Jahrhun-

derts kamen die Franzosen hinter das Geheimniß und baldfabricirten sie das türkischrothe Garn in Rouen. Späterward die Kunst auch nach Deutschland verpflanzt, und jetztliefern Elberfeld, Barmen, Augsburg, Conflanz,Cannstadtrc., sehr schönes türkisches Garn.

Baumwollenmanufaktur. Sie ist mit der Baum-wollspinnerei natürlich eng verbunden. Beides ent-stand im frühesten Alterthum, im Vaterlande der Baum-wollpflanzc. Schon Herodot erwähnt, daß es in Indienwilde Bäume gebe, welche eine Art Wolle liefern, die jeneder Schafe übertreffe, und woraus die Eingebornen sichKleider verfertigten. Aus Hindostan oder Indien kamendiese Baumwollzeuge durch den Handel der Araber nachArabien so wie nach Egypten. Ebenso verarbeiteten dieeingebornen Völker in den heutigen mejicanischen Staatendie heimische Baumwolle zu Zeugen, wie noch heute dieOpata-Jndier auf ihren sehr einfachen Webestühlen, die nuraus Pfählen bestehen, welche in der Erde befestigt sind, wiedieselben schon in der Urväter-Zeit waren.

In Europa blieb die Baumwollmanufaktur bis ge-gen das Ende des vorigen Jahrhunderts auf einer sehr nie-drigen Stufe, und die in den Verbrauch kommenden Baum-wollzeugc wurden durch die Ostindienfahrer aus Indien ge-bracht.

Ohne Zweifel gehören das rasche Wachsthum und diebewunderungswürdige Größe der britischen Baumwollen-manufakturen zu den merkwürdigsten Erscheinungen in derGeschichte der menschlichen Industrie. Der Besitz der fein-sten Schafwolle zog natürlich in England die Aufmerksam-keit auf die Wollenmanusaktur und bahnte den Weg zu je-ner Kunstfertigkeit, deren sich die Engländer schon langerühmen; als sie sich aber mit der Baumwollenmanufakturbeschäftigten, standen ihnen verhältnismäßig nur wenigHülfsmittel zu Gebote, und sie hatten mit den größtenSchwierigkeiten zu kämpfen. Das rohe Material wurde insehr entfernten Ländern erzeugt; die Einwohner von Hin-dostan und China hatten im Spinnen und Weben eine solcheFertigkeit und Geschicklichkeit erlangt, daß die Leichtigkeitund Zartheit ihrer feinsten Zeuge mit dem luftigen Gewebedes Nachsommers wetteiferte, und jede Mitbewerbung un-möglich erschien. Indessen wurden durch den Einfluß, wel-chen die erstaunungswürdigen Entdeckungen und Erfindun-gen eines Ilargiarog, Arknrigdt, Lrompwn, LarUvriglit undAnderer ausübten, alle diese Schwierigkeiten besiegt, so daßweder die ungemeine Wohlfcilheit des Arbeitslohns in Hin-dostan noch die Kunstfertigkeit der Eingebornen sie gegen dieConcurrenz derjenigen, welche die Baumwolle von ihnen kau-fen und sie 5,000 engl. Meilen weit in ihre Fabriken abho-len, um sie ihnen dann als verarbeitete Zeuge wieder zuzu-führen, sicher stellen konnten. Dies ist der höchste Triumphder mechanischen Künste, und was vielleicht das meisteStaunen erregt, ist, daß diese »Überlegenheit der Britennicht etwa das Resultat einer langen Reihe von Entdeckun-gen und Erfindungen ist, sondern im Gegentheil in einemZeitraume von wenig Jahren errungen wurde. Vor wenigmehr als einem halben Jahrhundert stand die britischeBaumwollenmanufaktur noch in ihrer Kindheit und im ge-genwärtigen Augenblicke bildet sie den wichtigsten Gewcrbs-zweig des Landes, in welchem die größten Kapitalien mir