Band 
Erster Band. A - G.
Seite
441
JPEG-Download
 

Borar

441

Borarsäure

Der rohe Borax heißt in Tibet Tinkal, erscheint in kry-stallinischen, meist zusammengesinterten Massen, halbdurch-sichtig, grauweiß, gclbgrünlich, mit einer Art Ratronseiftumschlossen, aus Bergfett und Natron erzeugt, mit borar-saurem Kalk und Magnesia vermengt. Man hat im Han-del auch chinesischen Borax, der schon etwas rafsinirt ist.

Ehedem reinigte man den rohen Borax vorzugsweisein Venedig, woher der Name venetianischcr Borax für dengereinigten Borax; jetzt geschieht es in mehreren andernStädten, namentlich in Amsterdam, Marseille und anderenfranzösischen Städten. Das Verfahren, welches man dabeibeobachtet, ist nicht völlig bekannt; man bedient sich ver-schiedener Methoden. Nach der älteren Methode weicht manden Tinkal in wenig kaltem Wasser ein, rührt öfter um,setzt nach und nach 1 Proc. gelöschten Kalk hinzu und rührtwieder um. Nach einem längeren Maceriren wird durchge-seiht und die durch den Kalk von dem größten Antheil derFettigkeit befreiten Krystalle in 2>/z Theilen kochendenWassers aufgelöst; dann setzt man 2 Proc. Chlorkalk hinzu,seiht durch, dampft die Flüssigkeit bis zu 18 oder 20» li ein,schüttet sie zum langsamen Abkühlen und Krystallisiren inhölzerne, mit Blei ausgefütterte kegelförmige Gefäße. Einsehr langsames Abkühlen ist zur regelmäßigen Krystallisationnothwendig, weshalb man die Gefäße mit schlechten Wär-meleitern umgiebt. — Statt Kalk nimmt man Aetznatron:man.schüttet den zerstoßenen rohen Borax in ein mit einemdurchlöcherten falschen Boden versehenes Faß, übergießt ihnmit wenig Wasser, sodann mit Letznatronlauge von 8° L.,bis letztere wenig gefärbt abläuft. Nach dem Abtropfenlöst man den Borax in siedendem Wasser auf, bringt dieAuflösung auf 20° 6., setzt 12 Proc. kohlensaures Natronhinzu, läßt klar absetzen und krystallisiren. — In neuererZeit hat man in Frankreich angefangen, durch kohlensauresNatron aus der italienischen Borarsäure, die man im Los-kanischen aus Erddämpfen in den Maremmen durch Sätti-gung und Krystallisation gewinnt, künstlich Borax zu ferti-gen. Payen und Cartier errichteten die erste Fabrikder Art. Man löst in 800 Theilen kochenden Wassers 600Theile kohlensaures Natron in einem kupfernen Kessel auf,setzt nach und nach 800 Theile Borarsäure hinzu, wobeiheftiges Aufschäumen stattfindet. Ist dies geschehen, so er-hält man die Temperatur nahe am Sieden, deckt den Kesselzu und läßt ganz allmälig abkühlen ; nach 30 Stunden wirddas Klare abgezogen, in kleinere Krystallisationsgefäße ge-leitet, worin binnen 3 bis 4 Tagen die Krystallisation voll-endet ist. Die Mutterlauge dient zur Auflösung neuerPortionen von kohlensaurem Natron. Das kcystallksirteSalz wird hierauf in kochendem Wasser gelöst, 10 Procentkohlensaures Natron hinzugesetzt, die Lauge bei 20° l!. indie mit Blei ausgefütterten Krystallisirgcfäße geleitet, dieeine abgestumpft pyramidale Form besitzen. Die mittlereTemperatur des Lokals, in welchem das Krystallisiren statt-findet, muß 18" sein; die Dauer dieses Anschießens beträgt17 bis 18 Tage, die Temperatur bei'm Krystallisiren 30°.Darauf werden die größeren Krystalle in kleinere Stückezerschlagen, getrocknet, auf einem Siebe hin und her geschüt-telt, damit die scharfen Ecken und Kanten sich abrunden.Die kleinen Krystalle werden wieder aufgelöst u. von Neuemkrystallisirt.

I.

Der Borax krystallisirt in durchsichtigen, weißen sechs-seitigen Säulen mit dreiflächiger Zuspitzung, verwittertoberflächlich und wird dadurch etwas weißlich, durchschei-nend, schmeckt süßlich, alkalisch, löst sich leicht in 2 Theilenkochendem und in 12 Theilen Wasser von der mittlerenTemperatur, bläht sich im Feuer auf, verliert sein Krystall-wasser, über 47 Proc., darf aber, auf Kohlen geworfen, nichtknistern, und die wässerige Auflösung auf zugegossene koh-lensaure Kali-Auflösung keinen Riederschlag geben; in die-sem Zustande nennt man ihn gebranntenBorar, koraxcalcins, calcineü borax. Er besteht aus 18,83 Natron, 37,36Borarsäure und 47,11 Wasser.

Gebrauch: Zum Löthen für Gold- und Silberarbei-ter, wo mitSchlagelvth, Hartloth, Silberloth gelöthetwird.Ferner zum Probiren mittelst des Löthrohres, auch als Flußzur Untersuchung der Erze; zur Darstellung feiner u. leichtflüssiger Gläser, zum Glasiren; endlich zur Abscheidung derBorarsäure und in der Medicin.

Der geschmolzene glühende Borax wirkt auf mehrereMetalloryde kräftig auflösend, und bewirkt in dieser Ver-bindung sehr schön gefärbte Glasflüsse; z. B. mit Chrom-oxydul ein smaragdgrünes, mitKobaltoryd ein schön blaues,mit Kupferoryd ein hellgrünes, mit Zinnoryd ein milch-weißes, mit Eisenorydul ein bouteillengrünes, mit Manganein violettes, mit Nickel ein hell smaragdgrünes Glas.Ursprünglich weiße Oxyde geben dem Borarglase niemalseine Farbe.

Verfälschungen: Zuweilen mit Alaun, was mandaran erkennt, daß seine Auflösung den Vcilchensaft oderdaß Lackmuspapier röthet. Noch besser entdeckt man dieVerfälschung, wenn Kali in der Borarauflösung einen wei-ßen Niederschlag hervorbringt. Bei der Vermischung mitSteinsalz entwickelt sich durch darauf getröpfelte Schwe-felsäure schwefelsaures Gas.

Der roheBorar kommt aus Ostindien in Elephan-tenblasen, die in Fäßchen oder Kistchen eingelegt sind. Dervon Bengalen kommt gewöhnlich in Söckchen von Palm-blättern. — Der raffinirtc Borax wird in Holland inkleine, mit dunkelblauem Papier ausgelegte Kistchen gepackt,die 1231/2 Pfd. netto haben. In England betrug 1838die Einfuhr des Borax 333,224 Pfd.

In Oesterreich wurde an Borax eingeführt 1829:10,203, 1830: 33,863, 1832:20,283, 1834:34,003, 1836:28,200, 1838: 83,900 Pfd.; die Ausfuhr betrug nur 1829:866, 1830: 868, 1832: 337, 1834: 833, 1836: 400, 1838:300 Pfd.; die Einfuhr betrug 1842: 24,823 Fl., die Aus-fuhr nur 133 Fl.

Boraxsäure, kommt theils schon gebildet in der Na-tur vor in einigen Seen und mineralischen Quellen, theilswird sie künstlich bereitet, indem man sie aus dem Boraxabscheidet; oder sie wird auch aus Erddämpfen im Toskani-schen in den Maremmen vermittelst Wasser bereitet, undwird bann zur künstlichen Borarbereitung nach Frankreichausgeführt. Man löst 40 Theile Borax, der aus Borar-säure und Natron zusammengesetzt ist, in 100 Theilen ko-chenden Wassers auf und setzt 23Theile concentrirte Schwe-felsäure hinzu, wodurch sich das Natron von der Borarsäuretrennt, schwefelsaures Natron wird und die Borarsäure

86