Seide
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Seide
Abwinden der Cocons des schon 1272 zu Bologna erfunde-nen Seidenhaspels, der aber in der neuern Zeit manche Ver-besserungen erfahren hat. Man bringt die Cocons zuerstin warmes Quell- oder Regenwasser in einem flachen kupfer-nen Kessel, damit sich das Gummi, welches die Seidenfädcnzusammenklebt, auflöst. Das Wasser muß ganz weich seinund darf nicht zu sehr erhitzt werden; nach manchen Anga-be» bis zu 33, nach andern aber bis 60° U. An dem Kesselsteht eine Frau mit einem abgestumpften Ruthenbeschcnund peitscht die Cocons so lange, bis die äußere Flockseidesich abgelöst hat und bis sich die Fäden des feinen Gespinn-stes an die Ruthen anhängen. Nun werden nach demneuern Verfahren die Cocons mittelst eines kupfernenSchaumlöffels aus dem Kessel genommen und in hölzerne,durch eine Dampfröhre schwach erwärmte, mit Wasser ge-füllte Gefäße gebracht, aus welchen der Faden aufgehaspeltwird. Je nachdem die Seide stark werden soll, werden dieFäden von 4, 8 bis 20 Cocons, zu einem Faden verbunden,abgehaspelt. Je schneller der Haspel gedreht wird, destobesser wird die Seide. Ist die erforderliche Menge Seideaufgewunden, so wird sie mittelst der Finger von allen losenFäden gereinigt, mit Wasser begossen, ausgedrückt und mitdem Haspel an einen schattigen luftigen Ort gestellt, damitsie bald trocknet, worauf sie von dem Haspel genommen,sortirt und in einem Kasten mit einem gut passenden be-schwerten Deckel aufbewahrt wird. Diejenige Seide, welchemit der Haspelmaschine nicht abgewunden werden kann,weil sie keine gleichförmigen langen Fäden bildet und mehroder weniger verfilzt ist, so wie die, welche bei'm Abhaspelnabfällt, wird Strazza, d. h. Abfall oder Auswurf, auchFlockseide (franz. bourro üo soio, Mosello) und Floret-materiale genannt. Im allgemeinen kann man von derFloretseide 4 Arten unterscheiden. Die erste und geringsteist das lose Gewebe, welches die Raupe bei'm Anfang desEinspinnens an die umstehenden Reiser des Spinnbettes an-hängt, um daran sich und den Cocon zu befestigen. DieFäden sind ziemlich lose, durch wenig Gummisubstanz ver-bunden, und sehen beinahe wie Wolle aus. Sie lassen sich,wenn sie mit Stöcken geschlagen und von der anhängendenUnreinigkeit befreit werden, als Wattseide zur Wattirungder Kleidungsstücke verwenden, oder auch zu gewöhnlichemGebrauch auf Wollrädern verspinnen. — Eine zweite,bessere Art besteht aus dem Gewebe, welches den Cocon vonaußen umgiebt und bei'm Abhaspeln, wenn man den reinenFaden sucht, abgelöst werden muß, indem der Arbeiter das-selbe bei'm Anfang der Operation um die Hand wickelt.Manche Floretseide dieser Gattung ist lang gezogen ustdwenig verwirrt, manche aber auch ziemlich verworren. Dieerstere kann nach dem Kartätschen und Spinnen zum Ein-schlag, die letztere nach sorgfältigem Aussieben, Waschen,Trocknen, Schlagen, Kartätschen und Spinnen zu Strick-waaren und groben Zeugen gebraucht werden. Die dritteund beste Sorte entsteht aus durchgcbissenen und durchlö-cherten Cocons, welche man entweder zur Gewinnung desRaupensamens verwendet hatte, oder welche die Raupennicht völlig zugesponnen haben. Durch die Reinigung vonden Puppen und eine zweckmäßige Zurichtung, wodurch dieFäden erweicht und auseinander gebracht werden, kann manaus solchen Cocons ein zu Einschlag in verschiedene Zeuge,
zu Stickereien u. dergl. recht brauchbares Produkt gewinnen.Die vierte Gattung endlich enthält die nach dem Abhaspelnübrig bleibenden pergamentartigen Coconshäutchen, welchedie Puppe in dem Cocon ganz einschließen. Diese Häutchenkönnen wegen der Feinheit des Fadens und wegen des Leims,welcher denselben zusammenhält, blos durch langes Einwei-chen in Wasser, durch mehrmaliges Klopfen und Kartätschenzu einem Gespinnst verbraucht werden. Ehemals machteman aus diesen Häutchen die sogenannten italienischen künst-lichen Blumen, oder man verfertigte daraus, wie ausbesserstell Gattung, eine Wattseide zu Kleidern und Bett-decken.
So wie die Seide von den Cocons abgehaspelt undzusammen abgewunden ist, heißt sie rohe Seide oderGrezseide, ital. Lola in orre, 8. xrerra. Sie ist nach derFarbe der Cocons entweder weiß oder gelb, und wird schonin diesem Zustande zu Mancherlei verarbeitet, muß aber zuden meisten Verwendungen erst noch filirt werden. Zu der»Ende wird die gehaspelte oder gezogene Seide, wenn sie >'»Strähnen von den Haspeln abgenommen worden, zuerst ge-spuhlt, d. i. mit einem Rade auf Spuhlen (Bobinen) auf-gezogen oder aufgewickelt, und heißt dann Single (ein-fache Seide). Die Fäden werden hierauf duplirt, d. i-von 2 bis 10 solchen Spuhlen in einen zusammengedreht.Ist dies geschehen, so kann die Seide auf der Seidenzwirn-mühle oder dem Filatorium gezwirnt (filirt) werden, undzwar lockerer oder fester, je nachdem sie zur TramasTram-scidc, Einschlag) oder zur Organsin (Organsinseidc, Ket-tenseide) bestimmt ist. Bei letzterer wird der Faden erst ein-zeln gedreht, dann mehrere solche Fäden zusammengedrcbt;bei der Tramscide werden nur 2 bis 3 ungcdrchte Fädenschwach gezwirnt. Die Organsinseidc wird zu 2 bis 3 Fä-den auf frische Spuhlen gewickelt oder duplirt und abermalsgezwirnt, worauf sie ein Gegenstand des Handels ist. ZhtWerth hängt von der Leichtigkeit und Reinheit, von derVollkommevhcit der Bearbeitung auf dem Filatorium, dannvon ihrer Schönheit und ihrem Glanz ab, weshalb ma»dazu aus einer größer» Partie roher Seide immer dieschönste und beste auswählt. Außer der Organsin- undTramseide hat man noch folgende Arten: die Nähseide(6nsir), die aus 3 bis 22 Fäden gedreht und in Nr. '/s,Nr. 1 und Nr. 2 unterschieden wird, und wozu auch d>eölcrrrwa Nr. 3 und 4 gehört; die S t ri ckse i d e, welche ^bis 4, auch wohl mehr Fäden enthält; die Cusirin»,welche wie Nähseide duplirt, aber feiner und für Spitzelmacher bestimmt ist und mit Buchstaben, 6 (die gröbste), ^(feiner), V (noch feiner), (noch feiner) unterschieden wird-Zu manchem Behuf muß die Seide besonders filirt werde»,z. B. zum Crepp, Dünntuch rc. Die Feinheitsgrade dc»silirten Seide werden nach der Anzahl der zusammengespo^neuen Coconsfäden bestimmt. Je weniger Fäden diesesenthält, für desto feiner wird sie gehalten. In Italiendie Seide nach Mattos verkauft, von denen jederKnuppe» enthält. Bei der Organsinseide hat die Knupl^6, bei der Tramscide 4 Strähne. Die Knuppen sind gk)wöhnlich durch einen leinenen, die Strähne durch eine» st^denen Faden von einander abgesondert. Von der ung^färbten Seide sind die Strähne etwa 40 Zoll lang, von dekgefärbten etwas länger. Um deiz.Grad der Feinheit zu ^