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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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31
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Di« wahre Gelehrsamkeit verdient den Namen von Wis-senschaft. Sie ist mehr eine Fertigkeit des Verstandes, alsein Werk des Gedächtnisses, weil ein sehr mittelmäßiges Ge-dächtniß zureichend ist, sobald man mit Verstand und unver-drossenem Fleiße studiert. Wir erwerben diese Art von Ge-lehrsamkeit, wenn wir die Fähigkeit und den Willen haben,theils durch das Lesen, theils durch den Umgang mit wahrenGelehrten das Wahre zu suchen. Man bemüht sich gelehrt zuwerden, weil man vermittelst der Gelehrsamkeit durch Anderelernt, was man durch sich selbst nicht lernen kann. DieDinge, die Andere erzählen, sind uns eigen; andere Begriffeverweben sich mit unsern Begriffen und scheinen in uns selbsterzeugt zu seyn, wenn wir gelehrt sind.

^ Die wahre Gelehrsamkeit ist der Reichthum des Weltwei-sen, und die Erfahrung setzt sie zum Voraus. Wir müssen-die Geschichte und die Kennzeichen der Dinge wissen, ehe wir^ sie in der Natur bemerken können. Der größte Geist lernte f

k durch sich selbst die Natur der Krankheiten ällzuspät erkennen, ^

k wenn die Schriften der Aerzte ihm die ersten Linien dieser !

Kenntniß nicht zögen. Er wurde von seiner Laufbahn zu^

ruckgescheut, wenn ihm die Wissenschaft nicht zuweilen fürErfahrung ginge.

Ohne die Beyhülfe der Gelehrsamkeit ist selbst das Geniek schädlich, weil man, den Kräften desselben allein überlassen, ink der Unermeßlichkeit der Dinge herumfliegt, ohne zu sehen wo-b hin man fliegt. Wir müssen das Bekannte wissen, ehe wir^ das Unbekannte suchen; wir müssen, von Anderer Erfahrung? unterrichtet, durch andere Gedanken erleuchtet, auf Andererj Flügel getragen werden, wenn wir selbst erfinden sollen.

? Der Geist ist unendlich selten, der eine Wissenschaft aus sichf selbst, wie das Feuer den Stahl aus dem Kiesel schlägt,i Jeder Mensch, der nur an dem klebt, was unmittelbar vorseinen Augen liegt, schränkt seine ganze Kenntniß in die Ge-genstände ein, die in einem Gesichtskreis von wenigen Schrit-ten seine Augen rühren. Er verachtet, waS er nicht sieht,weil er nicht einmal kennt, was er sieht.