Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
32
JPEG-Download
 

32

Zweytes Capitel.

Bon den Vorurtheilen wider die Gelehrsamkeit.

ÄeS unüberwindlichsten Eigendünkels und der niederträchtig-sten Absichten voll, verwerfen die Practiker nicht ohne Ursache,was ihre Bloße aufdeckt. In der Hoffnung, durch die Gunstdes Pöbels Ehre und Ansehen zu erwerben, reden sie in allenUmständen uns aus vollem Halse seine Sprache. Durch seindankbares Zujauchzen zu auserwählten Gefässen der Weisheitaufgeblasen, wandeln sie sicher und breit in den Wolken.

Sie schelten ungekränkt und ungehindert auf die Gelehr-samkeit und die Entdeckungen aller Zeiten , damit sie ihr Pub-likum bereden, sie selbst haben alles, was man diesseits demMonde weiß, entdeckt. Ihr Publikum glaubt, was sie sagen,weil sie auch glauben, was ihr Publikum sagt. Der Pöbelehrt in ihnen seine Vorurtheile, und die Practiker deuten dieseEhrfurcht auf sich, wie der Esel in den Fabeln des GabriaS,den man mit der Isis beladen hatte, die Ehrfurcht des Vol-kes gegen das Bild auf sich deutete. Alles, was Vorurtheilehat, vergöttert diese Kerls, weil es seine eigene Vorurtheilevergöttert; alles was schreyen kann, verschreyt mit ihnen dieGelehrsamkeit nnd die Vernunft. Durch diesen allgemeinenUnsinn bethört, nehmen die Practiker für erwiesen an, ihrebäuerische Verachtung für die wahre Wissenschaft sey die Quint-essenz der Weisheit, ihr grober Mutterwitz die göttlicheFlamme des-Genies.

In Büchern finden sie gar nichts ihrer Achtung würdig.Die nervichte Kürze unserer Orakel ist für sie allzu dunkel undallzu zweydeutig; sie begreifen die Anwendung der Grundsätzenicht, sie mißkennen die Ausnahmen der Regeln, sie wissennicht, wie man, durch die Erfahrung aller Zeiten unterstützt,Anderer Erfahrung in ähnlichen Fällen scharfsinnig anwenden,von dem Einfachen zu dem Zusammengesetzten, von dem Leich-ten zu dem Schweren, von der Kenntniß gemeiner zu der