sten Arztes nicht zulänglich, weil die menschliche Erkenntnißsehr langsam wachst, von unmerklickien Anfängen über Stufenan das Licht steigt, die Jahrhunderte find, und weil ganzeNationen und Weltalter ihre Kräfte verbinden müssen, eheeine Wissenschaft in einigen Theilen vollkommen wird. Diegrößten Geister öffnen die Wege zu neuen Untersuchungen, an-dere gehen sie, andere kommen nach tausend überwundenenHindernissen an das Ziel. Kein Bacon, kein Newton ist fä-hig gewesen, die Arbeit von vielen Jahrhunderten allein zuübernehmen. Ein Praktiker, ein Barbier, eine Vettel über-nimmt sie.
Ein Arzt, der durch seine Erfahrung lernen wollte, wasman durch die Gelehrsamkeit in wenig Jahren lernt, müßtezu dieser Erfahrung vermittelst einer eben so mühsamen Arbeitgelangen, als alle Erfinder in allen Jahrhunderten angewendethaben; er müßte zudem ein Geist von der ersten Größe seyn,und wenigstens einige tausend Jahre leben und morden. Nunaber liegt es nicht in dem Vermögen eines einzelnen Menschen,der Schöpfer der vortrefflichsten aller Künste zu seyn, die, mehreine Geburt der Zeit als des Geistes, in so vielen tausendJahren durch eine fleißige, geduldige und richtige Beobachtunglangsam entstanden, und durch die vereinigten Kräfte der größ-ten Geister erst zu dem Glänze erhoben worden, den sie inunsern Tagen von sich strahlt. Ein Praktiker kann nicht ein-mal in seinem ganzen Leben so viele Beobachtungen machen,als Hippokrates und Boerhaave, bey einer Regel von zweySprüchen, zum Grunde setzen.
Hingegen lernen wir durch das Lesen in wenig Jahren, wasunsere Vorväter seit dem Anfang der Dinge gewußt haben.In einem Tage begreifen wir Entdeckungen, woran die erstenErfinder Jahre lang gearbeitet haben. Mit dem schönsten Ge-nie müßte der Arzt die Fehler seiner Vorgänger von neuembegehen, ehe er zu dem Bischen Wahrheit gelangen könnte,das, dem Golde in unsern Flüssen gleich, unter unermeßlichemSande liegt. Er durchwühlt nicht mehr diesen Sand, oberermacht sich durch cdlere Bemühungen verdient, dieses Gold ausLimmermanns Erfahrungen. 4