56
machen. So wie das ganze Alterthum, nach dem Urtheil desHerrn von Haller, den unausstehlichen Fehler hatte, daß es selbstExperimente zu machen unterließ, und alles Falsche und Fa-belhafte heißhungrig von Poeten, Kaufleuten, Fischern undandern Idioten annahm.
Galenus verband mit der außerordentlichsten Gelehrsamkeit,mit einem feurigen und erfindungsreichen Kopfe, eine tiefeKenntniß der peripatetischen Philosophie, und eine große Be-redsamkeit. Suidas sagt, er habe mehr als fünfhundert Bü-cher über die Arzeneykunst, und gegen zweyhundert und fünf-zig über andere Wissenschaften geschrieben. Ein weiter um-hersehender und feinerer Geist hat keinen Arzt jemals begei-stert, weil Galenus das bewunderungswürdigste System vonallem errichtet, was die Menschen bis auf seine Zeiten vonder Arzeneykunst wußten. Aber die reine Lehre des Hippo-krates versank in diesem Meere von Spitzfindigkeiten, obschonGalenus den Hippokrates allen andern Aerzten vorzog, seinenLehren in der Ausübung folgte, und auch darum für unsnoch sehr wichtig ist. Der wesentliche Unterschied zwischenden Schriften des Hippokrates und des Galenus ist vonden besten Richtern dahin bestimmt, daß die Schriften desHippokrates sich allein auf die Erfahrung, und die Schriftendes Galenus allein auf Vernunftschlüffe gründen; daß dieArzeneywissenschaft des Hippokrates eine Sammlung von sei-nen und Anderer Beobachtungen sey, über die er mehrentheilsnur wenig raisonnirt; da hingegen die Arzeneyivissenschaft desGalenus ein Gewebe von Vernunftschlüffen und Zänkereyenausmacht, obschon er in Absicht auf die Ausübung fast durch-aus denkt, wie Hippokrates.
Die weit subtilem Araber spitzten die Meinungen des Ga-lenus so sehr zu, und triumphirten durch ihre Einbildungskraftso sehr über ihren Verstand, daß die Menschen, um die Sa-chen unbekümmert, an leeren Ideen hingen, und, anstatt derWahrheit, diese Spinnengewebe umarmten. Indeß haben sie dirHeilarten der hitzigen Krankheiten verbessert, die Chemie er-funden, die Apothekerkunst der Arzeneykunst untergeordnet,