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Zweytes Capitel.
Von den Hindernisse» des Beobachtungsgeistes.
Auch der feinste Beobachtungsgeist kann vielfältig begrenzt,verwirrt, berückt, geschwächt und erstickt werden. Wer wohlbeobachten will, muß mit uneingenommenem und gelassenemGemüthe beobachten.
Unser Geist soll von allen Vorurtheilen und «»nöthigenLeidenschaften gereinigt seyn, wenn er die Stellung annehmenwill, aus welcher man die Wahrheit sieht. Er muß uneigen-nützig, ungehindert und ungestört der Wahrheit entgegen ge-hen; er muß nichts suchen, nichts lieben, als sie; aber er mußauch durch Andere nicht gehindert werden, nichts zu suchen undnichts zu lieben, als sie. Unsere und Anderer Vorurtheile, un-sere und Anderer Leidenschaften sind die Hindernisse des Beob-achtungsgeistes.
Durch die Macht der Vorurtheile hingerissen, steht manauch mit dem besten Beobachtungsgeiste nur was man sehenwill. Diese eigennützige Untersuchung der Wahrheit ist dievornehmste Quelle aller falschen Urtheile unter den Menschen,aller Irrthümer, die ihr Geschlecht verunchren. Durch ihreVorurtheile aufgeklärt und geblendet, sehen sie immer, was dieseVorurtheile begünstigt; sie sehen nie, was ihnen widerspricht.
Selbst die unbeträchtlichsten Hindernisse von dieser Art ma-chen, daß man die Sachen niemals steht, wie sie sind. DieWeiber sollen weit besser in unsern Physiognomien lesen, alswir in ihren; und vielleicht ist kein Weib fähig, die Physio-gnomie eines Mannes zu beurtheilen, wenn sie häßlich ist.
Die meisten Vorwürfe nehmen in den Augen ihrer Beob-achter die Farbe und den Schwung des Charakters, mit demsie beobchtet werden, an, oder sie erscheinen in der Gestalt derherrschenden Idee des Beobachters. Die einen sind hypochon-drisch, sie sehen alles schwarz; andere sind Tadler, sie sehenalles klein; andere sind Bewunderer, sie sehen alles groß; die