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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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sehen, doch mehrentheils die Ursache, daß man eS allein sieht,daß man daneben nichts sieht, und daß man es zuletzt allerOrten sieht, ausgenommen da nicht, wo es ist. Wennein Arzt gewisse Umstände in einer Krankheit vorzüglich zusehen hofft, so sieht er gewiß diese Umstände, wo er sie wünscht,und nicht wo sie sind; auch merkt man bald, durch was sürein Glas er sie sieht. Ich kenne einen hochberühmten, tiefan-gebeteten und etwas dummen Praktiker, der Verstopfungen inder Leber hat; er steht in allen seinen Patienten diese Ver-stopfungen.

! Die Nachtheile der Hypothesen und der angenommenenj Lehrgebäude werden durch diese Betrachtungen deutlich. Eine^ Hypothese ist ein tvillkührlicher Satz, aus dem man die Erschei-

> nungen in der Natur erklären will; ein angenommenes Lehr-gebäudeist eine Reihe von verbundenen Lehrbegriffen, die bloß

; aus Hypothesen fließen.

! Man soll die Natur nicht anders erklären als durch die^ Natur; wer aus Hypothesen sie erklären will, betrachtet siei durch seine Hypothesen, wie ein Gelbsüchtiger durch seine Galle^ die Welt. Willkührliche Sätze und angenommene Lehrge-i bände thun darum bey einem Arzte, was die Leidenschaften§ bey einem Geschichtschreiber, einem Boelingbroke, einem Swift;s sie verdunkeln die schärfsten Augen; sie zerrütten den schönsten' Verstand; sie heben alle Genauigkeit im Beobachten auf; siewerfen Vernunft und Unvernunft zusammen; sie sind Tyran-j nen, wider die man rebelliren muß.

Alle Arten von Vorurtheilen werden durch die Liebe zu

> Hypothesen begünstigt; alle Gewißheit wird verbannt; alle' Erscheinungen werden nach Wohlgefallen gebogen; man nimmt' der Erfahrung ihre Rechte; man hört nicht mehr ihre Stimme;

, man verkehrt ihre Aussprüche; man verschweigt ihre Siege;

> man sieht nicht mehr als man zu sehen verlangt; anstatt der, Natur seine Hypothesen aufzuopfern, opfert man seinen Hypo-s thesen die Natur auf. Ein Engländer hat eS gewagt, ohne

die geringste Kenntniß der Aergliederungskunst eine Physiolo-! gie zu schreiben, und den ganzen Menschen in eine Dunstma-