92
lich glaubt. Ich nenne übernatürlich alles dasjenige, wasweder als eine Wahrscheinlichkeit, noch als eine Möglichkeitaus der Erfahrung und der Vernunft kann erwiesen werden.Ich nenne wunderbar, alles was unerwiesen, abgeschmackt,falsch, allen Gesetzen, durch welche die physische und moralischeWelt regiert wird, widersprechend genug ist, daß es der Pö-bel glaub.. Ein erlauchter Gottesgelehrter hat das Ueberna-türliche und Wunderbare durch ein überzeugendes Beyspiel er-klärt; er sagt: wenn jemand einem Kraut eine purgirendeKraft zuschreibt, die es nicht hat, so irrt er zwar: aber erist deswegen nicht abergläubisch, weil ein Kraut, das einepurgirende Kraft hat, weder etwas Uebernatürliches, nochetwas Wunderbares ist. Allein wenn jemand dem gleichenKraut eine Kraft zuschriebe, den Menschen, der es bey sichträgt, entweder unsichtbar oder unverwundbar zu machen,so wäre dieser Wahn nicht mehr ein bloßer Irrthum, sondernein Aberglaube. .
Der Geschmack für das Uebernatürliche und Wunderbarebenebelt den Verstand so sehr, daß er dunkler wird, als dieSchatten der Nacht. Je weniger die Menschen wissen, destogeneigter sind sie zu glauben; je weniger sie die Körperweltkennen, desto weiter machen sie die Geisterwelt. Ein berühm-ter Gottesgelehrter hat gesagt, der Geschmack für das Falschegibt ein Vergnügen, das ein Weiser missen muß; Wunder-dinge, Gespenster, Poltergeister, Erscheinungen der Todten,Spuckereyen und so viele andere närrische Einbildungen sindimmer dasjenige, was die Gespräche des gemeinen Volkesam meisten belebt; denn jeder Mensch, der etwas Widersinni-ges, etwas der Natur der Dinge und den unveränverlichenGesetzen des Schöpfers Entgegensetztes erzählt, macht seineunwissenden Zuhörer höchst erfreut die Ohren spitzen.
Aus den wahrheitsvollen Worten dieses Gottesgelehrtenfließt, daß der Geschmack für das Falsche den Geschmack fürdas Wahre verdrängt, und daß darum kein abergläubischerMensch die Natur beobachten, noch in irgend einer Sache daSWahre sehen könne, wenn er dabey den geringsten Anlaß hat,seinem Aberglauben den Zügel schießen zu lassen-