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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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104
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die Krankheit selbst. Jede Krankheit und jeder Umstand inden Krankheiten wird, so zu sagen, durchsichtig, wenn ihreBeschreibung sich zu der Krankheit nur verhält, wie ein gu-tes Nachbild zu seinem Original; die Aehnlichkeit kann starkseyn, wenn schon die Auge deS Nachbildes schwächer sind,als das Original. Man soll die Gebrechen des Kranken mitden Worten der Kranken erzählen, wenn sie diese Gebrechenausdrücken; man soll alles so erzählen, daß es den Leserdünke, er sitze neben dem Bett des Kranken. Man soll dieNatur mahlen wie sie ist, und ihr nicht Zierrathen leihen wollen,die sie verstellen. Ich bin oft der Arzt von witzigen Köpfengewesen, meine erste Bitte war allemal, daß sie in ihrenBriefen nur der einfachen Natur folgen, weil ich versichertwar, sie so oft nicht zu verstehen, als sie witzig seyn würden.Die Natur ist freylich selbst zuweilen witzig, das ist, derZusammenhang der Begebenheiten ist zuweilen so beschaffen,daß sich die entferntesten Ideen in demselben verbinden. Indiesen Fällen scheint es dem Beobachter erlaubt, zu schreiben,wie die Natur spricht. Was man insgemein Beredsamkeitheißt, und ich zwar für Beredsamkeit nicht erkenne, ist in derGeschichte einer Krankheit noch weit schädlicher, als der er-zwungene Witz; weil ein weitschweifiges Geschwätz den Ver-stand um so mehr benebelt, als es erhabener ist. Die Rich-tigkeit, oder die Kunst von einer Sache nur so viel zu sagen,als dahin gehört, ist daher in allen menschlichen Dingen ei-nes der vornehmsten Merkmale des Verstandes. Nicht alles,was uns die Natur entdeckt, ist gleich wichtig, nicht allesverdient eine gleichgestimmte Aufmerksamkeit, obschon auch oftdie kleinsten Umstände dem Genie seine Sehpunkte vermehren.Die Anmerkungen eines guten Beobachters müssen kurz, klug,bescheiden, voll Zurückhaltung seyn, und aus dem Mark derDinge fließen. Wir haben neben den unsterblichen Werkender oft in diesen Blättern angeführten Lehrer der Arzeneykunst,an den meisten Jnaugural-Differtationen der jungen Aerztein Edinburgh wahre Muster einer guten medicinischen Schreib-art, die durch und durch kurz, ordentlich, deutlich und un-gekünstelt ist.