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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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139
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Weil nun die wenigsten Krankheiten aus entscheidenden Zei-chen kennbar sind, so müssen wir allerdings die Kenntniß derGegenwart und der Ankunft aus der Verbindung aller Zeichenschöpfen. ES ist nicht allemal so leicht, die Gattung einerKrankheit zu bestimmen. Oft ist die Gattung nicht mit Zei-chen begleitet, aus welchen man sie zulänglich erkennen kann,und man muß von der wirklichen Gattung durch die nächst-verwandte urtheilen. Oft haben die entferntesten GattungenÄhnlichkeiten, die den scharfsichtigsten Beobachter betriegen;oder ihre Zeichen sind so zweydeutig, daß sie verschiedene Gattun-gen bezeichnen. Die meisten Gattungen werden nicht so sehrdurch eigene und entscheidende Zeichen, als durch den ihneneigenen Zusammenhang von Zeichen kennbar. In vielen Fäl-len ist dieser Zusammenhang klar; darum glauben schlechteKöpfe, er sey immer klar, und darum kleben diese Köpfe, so-bald eine Krankheit nicht gerade in die Augen fällt, oderdurch die geringste Zweydeutigkeit und die kleinste Verwickelungverborgen bleibt, an der Wand.

Selbst die besten Aerzte sind bey der Untersuchung derKrankheiten oft verlegen, weil ihre Merkmale oft so undeut-lich oder so sehr verwickelt sind, daß es unmöglich ist, ineiner kurzen Zeit sie zu entwickeln. Es gibt Zeichen, dieverschiedenen Krankheiten gemein sind. Ein Arzt, der alleZeichen einer gegebenen Krankheit findet, glaubt, er sehe dieseKrankheit, und dennoch ist es möglich, daß erste nicht sieht.Es gibt Krankheiten, in welchen eine Verwickelung überhauptbey dem ersten Anblick deutlich wird; aber darum ist man nochnicht fähig, diese Verwickelung zu bestimmen. Man kannin einem gegebenen Falle nicht entscheiden, ob mit diesemFalle der Ueberrest einer Lustseuche verwickelt sey, wenn derKranke läugnet, daß er jemals die Lustseuche gehabt, oderwenn er dem Arzte nicht Zeit läßt, die Folgen dieses Falleszu beobachten. Die Arzeneykunst hat darum, wie die Staats-kunst und die Kriegskunst, unendliche Schwierigkeiten, weilman oft an das Künftige denken muß, ehe man von dem Ge-genwärtigen v:rsicherk ist.