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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
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212
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Die Kräfte des Kranken sind Zeichen, deren Gebrauch nichtunwichtig ist. Es wiederfährt mir sehr oft, daß ich einem kran-ken Frauenzimmer sage: Ihr seyd schwach; und daß diese mirzur Antwort geben : ich Hede ja mein Kind auf. Man verstehtunter den natürlichen Kräften nicht sowohl die Stärke, mit wel-cher man die Bewegungen macht, die von dem Willen abhän-gen; dieser Begriff umfängt vielmehr alle körperliche Verrich-tungen. Folglich versteht man unter den Kräften eines Krankendenjenigen Grad der Stärke in allen seinen festen Theilen, nachwelchem nicht nur alle von dem Willen abhängenden, sondernalle natürlichen, und alle Lebeneverrichtungen vollführt werden.

Wir sehen aus dem Mangel oder Ueberfluß der Kräfte sehrwahrscheinlich künftige Krankheiten vorher. Eine schwächlichePerson hat in einer Epidemie von faulen Fiebern am meistenzu besorgen, eine starke in einer Epidemie mit Entzündung.Darum kennen wir desto leichter die gegenwärtige Krankheiteiner solchen Person, weil wir zum voraus wissen, was fürKrankheiten sie am meisten zu befürchten hat. Auch die Ab-änderungen verschiedener Krankheiten werden nach dem Ver-hältniß der Kräfte geschätzt. Es kann sich alles in einer Brust-entzündung zum Auswurf anschicken, indeß mangelt es demKranken an den Kräften zum Auswurf. Wir sehen hieraus,daß die Besserung nur anscheinend ist, und daß der Krankesterben wird. Eine sonst starke Person hat eine Colik mit Ent-zündung, die der besten Arzeneyen ungeachtet zunimmt; wirbesorgen einen plötzlichen Brand. Der AuSgang der Krank-heiten ist uns nur dannzumal bekannt, wenn wir die durchihre Zeichen sichtbare Kräfte des Kranken mit den Kräften derKrankheit vergleichen.

Ost scheinen die Kräfte deS Kranken gänzlich verloren, undfle sind es nicht. Ich habe Leute gesehen, die von schleimigenn dem Magen haftenden Speisen krank, auf einmal aller ih-rer Kräfte dergestalt beraubt wurden, daß man ihren Zustandmit einem bösartigen Fieber hätte verwechseln können; ich gabein Brechmittel, und die Kräfte kamen mit der Gesundheitplötzlich wieder. Man beurtheilt in solchen Fällen die Kräfte