221
wenn die Todesstunde schlägt; allein den Grabeston anstimmenwollen, wenn Muth und Unerschrockenheit die lange Nacht öAGrabes noch besiegen kann, ist tödtend. Eine ungemeine Nie-dergeschlagenheit des Geistes äußert sich oft vor dem Ausbruchedes Friesels; sie kommt wieder, wenn die Flecken zurücktreten,sie bleibt mehrentheils, wenn bey einer eingeschlossenen Lust,starkem Zudecken, und hitzigen Arzeneyen, die Flecken bleiben;aber ich sehe auch, daß der Kranke plötzlich stirbt, wenn ihnnahe an dem glücklichen Ausgang dieser Krankheit eine will-kürliche Furcht überfällt, so wie er nach den Bemerkungen desHerrn von Stockar, eines in seinen jungen Jahren zu der wah-ren Größe aufblühenden Schweizerischen Arztes, nicht stirbt,wenn er in dieser Krankheit den Tod wünscht; weil er ihnnicht fürchtet, wenn er ihn wünscht. Eine unwiderstehlicheEmpfindung spricht in mir bey dem ersten Besuche eines un-geduldigen, häffigen und unbeständigen Kranken in Entzün-dungs-Fiebern, die eine geschwinde, starke und unermüdeteHülfe fordern: du stirbst. Die meisten hitzigen und langsamenKrankheiten werden durch eine zornige Ungeduld verlängert oderverschlimmert, und viele sind nur darum tödtlich, weil mander Natur die Uebel vorwirft, die man sich zugezogen, indemman sie beleidigt hat. Aber dann bringt der Mensch die em-pörte Natur zum Schweigen, wenn er unter tausend Plagendie Wege der Vorsehung verehrt, mit Traurigkeit umgebensein Herz im Leiden übt, und sich im Schmerzenbette seinerglücklichen Tage gegen seinen Gott mit Dankbarkeit, nicht mitVerzweiflung erinnert. Seine Geduld im Unglücke ist in allenKrankheiten ein erfreuliches Zeichen, weil sie, voll himmlischerAnmuth, ihn zu dem wolkenfreyen Gipfel erhebt, von dem manSchmerz und Leiden unter sich im Thale sieht.
Der Tod ist nicht so schrecklich als das Leben des Menschen,der sich den Tod schrecklich vorstellt. Ich habe gesunde Men-schen vorn Tode reden, und kranke sterben gesehen; nur diegesunden agonistrten, weil sie vor Schrecken durch ihre ganzeLebenszeit starben. Die Standhaftigkeit im Tode ist zwar beydummen Menschen die Wirkung ihrer eingebildeten Gerechtig-