Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
244
JPEG-Download
 

241

Weil nun bey der Kunst, die Krankheiten zu lindern undzu heilen, das meiste auf das Genie ankommt, so sieht man,wie lächerlich es ist, einen alten geistlosen Arzt erfahren zunennen. Man sieht wie pöbelhaft eS ist, jeden Arzt der Er-fahrung unfähig zu erklären, wenn er nicht selbst der Sohneines Arztes ist, und aus einem Dummkopf ein großes Lichtzu machen, weil er die Recepte des Vaters hat.s" Man sieht ferner, daß ein Arzt sehr jung Erfahrung ha-^ ben kann, weil ein geistvoller Jüngling lang in wenig Jahren- lebt, und daß bey dem Practiker mit dem Alter nichts wächstj^als seine Dummheit.

Zweytes Capitel.

Bon der Art, wie der Arzt durch die Analogie und die Jnductiouschließt.

^aS Licht von jeder entdeckten Wahrheit ist für uns die Däm-merung der Wahrheit, die ihr zunächst liegt. Um einen nichtdurchaus bekannten Fall zu beurtheilen, vergleicht man ihnmit einem ähnlichen schon bekannten, und schließt durch das,was man schon weiß, auf das, was man nicht weiß. DieAehnlichkeit ist eine Uebereinstimmung vieler Merkmale.

Durch die Verhältnisse der Aehnlichkeiten äußern sich dieStufen der Wahrscheinlichkeit, und auf diesen steigt man in tau-send Fällen zu der Wahrheit. MoseS Mendelssohn hält die Wahr-scheinlichkeit unter den Erkenntnissen, zu welchen der mensch-liche Verstand aufgelegt ist, für die nothwendigste, weil sie,unserer eingeschränkten Einsicht angemessen, den größten Zweif-lern den Beyfall abgenöthigt hat, den sie der Wahrheit selbstzu geben sich weigerten, und weil sie in den meisten Fällendie Stelle der Gewißheit vertritt.

Der Arzt bedient sich der Analogie, wenn er seine Ver-nunftschlüsse auf die Vergleichung deö vorher Beobachteten mitdem Gegenwärtigen und Künftigen baut. Er nimmt bey derBeobachtung besonderer Fälle die weit ausgedehnte Kenntniß