Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
486
JPEG-Download
 

486

schäftigende, verschlingt darum zuweilen den sonst rastlosen Ge-schmack für das Sichtbare. Swammerdam verbrannte seineschönen, unaussprechlich mühsamen, und die Herrlichkeit GotteSin den kleinsten Theilen der Natur entfaltenden Werke in demgleichen Augenblick, in welchem ihn die überspannte Empfin-dung der geistlichen Vortheile über das Sichrbare erhoben.

Alle geistlichen Betrachtungen zerrütten in dieser Uebertrie-benheit, ein schwaches, finsteres, mit Vorstellungen die wederGottes noch des Menschen würdig sind, überhäuftes, oderzur Melancholie geneigtes Gehirn. Durch die allzustarke An-strengung des Geistes wird ein an sich schon schwaches Gehirnzu sehr bewegt; nur die allzu gewaltsame Stärke der Ideenführt daher bey solchen Menschen, wie ich oft gesehen, zumWahnwitz, zur Tollheit, und Wechselsweise von einem dieserUebel in das andere. Die Weiber verfallen darum wegen ih-rem schwächlichern und beweglichern Baue viel leichter in dieseAusschweifungen, als die Männer; ein einsamer, in sich selbstgekrümmter, und weniger an dem Sinnlichen Hangender Menschviel eher, als der in der Welt lebt. Man sieht, daß Leute,die sich geistlichen Empfindungen und Betrachtungen übermäßigergeben, zuerst eine Schwere im Kopfe fühlen, schwindlicht,blaß und schwach werden, in ein heftiges, und zuweileneine Ausspannung der großen Pulsader anzeigendes Herzklo-pfen, auch in Ohnmachten versinken, und daß endlich die Ein-bildungskraftsich versteigt und verwirrt, daß die Kraft, richtigzu urtheilen und zu schließen, verschwindet, wenn sie ganz Em-pfindung, ganze Schwärmer sind. In diesem bedauernswer-then Zustande folgen Entzückungen auf Entzückungen; derSchwärmer träumt, er erhebe sich auf schimmernden Gemol-ken von hohen Redensarten und kriechenden Gedanken in gren-zenlose Gegenden des Lichtes; er hat Gesichter; er weissaget;er weckt Geister auf; er befiehlt dem Teufel und dem Sturm.Von einer ganz andern Gattung Menschen sagt der, in unsernLagen niemand als sich selbst gleiche, Rousseau: wer weiß,wie weit die beständigen Betrachtungen über die Gottheit,wie weit der Enthusiasmus der Tugend in sublimen Seelen