Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
520
JPEG-Download
 

L20

sehr oft bemerkt; die Ursache dieser Zufalle waren nicht dieWürmer, sondern die eigentliche Ursache, von welcher hier dirRede ist. Es gibt auch Leute von einem hohen Alter, die, we-gen dieser angebornen Schwachheit, jeder physische oder mora-lische Eindruck plötzlich zu Boden wirft, oder plötzlich zu denSternen hebt, die sich in einem Tage todt oder unverwundbarglauben.

Bey andern ist das Nervensystem durch allerhand Ausschwei-fungen verdorben, und darum vielerley Krankheiten ausgesetzt.Die stärksten Leute gehören in diese Klaffe, weil die allzugroßeZuversicht in ihre Kräfte sie zu allen Ausschweifungen vor an-dern verleitet. Sie fressen, saufen und rasen dergestalt aufihre Nerven los, daß sie oft vor dem dreyßigsten Jahr allenKrankheiten ausgesetzt sind, und die traurigsten Merkmale ei-nes hohen Alters auf ihren gebogenen Nacken und sinkendenKnieen tragen. Nicht das Fressen und nicht das Sausen,aber ein weit ruchloseres Leben ist in demjenigen Theile derSchweiz, in welchem, nach dem Urtheil des Herrn von Vol-taire, die gesunde Philosophie herrscht, wie es in dem ganzen so-genannten gesitteten Europa bey dem Alter schon üblich ist, indem man natürlicher Weise fast nicht wissen sollte, warum eszweyerley Geschlechter gibt.

Die sogenannten Leute, die zu leben wissen, sind oft dieschlechtesten Epikuräer. Sie setzen das gesittete Wesen in einigeBequemlichkeiten, daran tausend Hände arbeiten müssen; siegeben zwar eine Verzärtelung, eine Weichlichkeit des Verhal-tens, eine Unbändigkeit in ihren Freuden für die wahren Vor-züge der Menschlichkeit, und eine gewisse schielende Art zu re-den für das wesentliche Merkmal der einzigen ehrlichen Leuteaus; aber sie kennen die wahre Wollust nicht. Die Wollustwar in Epikurs System, was sie in der Natur ist, ein Gut,und der Schmerz ein Uebel; nun will die Natur, daß wirdie Wollüste nur insofern suchen, als sie keine Schmerzen nachsich ziehen; dieß ist, was seine Epikuräer suchen sollen. Einwahrer Arzt hat es gesagt, und wer nicht blind seyn will,wird eS sehen, daß, seitdem man mit Ueberlegung und Vor-