Buch 
Von der Erfahrung in der Arzneykunst / von Dr. Joh. Georg Ritter v. Zimmermann
Entstehung
Seite
534
JPEG-Download
 

55 '«

stimmung oder Nichtübereinstimmung unserer Körper, mit denäußerlichen Dingen sich nur bis auf einen gewissen Punkt erstreckt,und daß dieser Punkt nur durch die besondere Erfahrung jedereinzelnen Person gefunden wird.

Vermittelst der angebornen Stärke deS Temperamentes,werden zuweilen die sonst sehr schädlichen Einflüsse äußerlicherDinge unschädlich. Bey sehr starken Menschen halten dieWerkzeuge der Lebensverrichtungen die Schweißlöcher, der kal-ten oder feuchten Luft ungeachtet, offen; nur bey schwachenwerden sie geschloffen. Ich kenne einen charakterisirten Mann,der sein Temperament für das schwächste in der Welt hält.Er hatte am Ende des Wintermonats im vorigen Jahre, beyeiner kalten und sehr feuchten Witterung, das fast überall inder Schweiz ausgebrochene Flußfieber. Mitten in der Nacht,da er in einem großen Schweiße lag, ward er sehr durstig,stand auf, suchte Wasser, und fand keines. Seine Wohlehr-würden eilte daher ohne Strümpfe über die Straße, zu einemvon seinem Hause ziemlich entfernten Brunnen, trank mitten imSchweiße so viel Wasser als der Magen fassen konnte, und fülltenoch ein Geschirr, das er nach seiner Rückkehr ebenfalls leerte.Hierauf legte er sich zu Bette und stand des Morgens mun-ter, flink, und von dem Flußfieber befreyt, auf. Auch dieRussen sind so lederhart, daß sie mitten in dem kältesten Winterin ihren Badstuben bis auf den äußersten Grad schwitzen, undunmittelbar darauf sich, ohne den geringste» Nachtheil, in demSchnee wälzen.

Die obenangeführten Seltsamkeiten der Natur machen zu-weilen die schädlichsten Dinge erträglich, so wie sie Vieles sehrschädlich machen, das es sonst für niemand ist. Es gibt Leute,die sich in einer Luft sehr wohl befinden, in welcher die meistenMenschen nicht leben können. Pechlin erzählt das Beyspiel einesKnaben von einer Übeln Leibesbeschaffenheit, der von Würmernsehr geplagt war, und einen solchen Hunger hatte, daß ihn dieübermäßigste Menge von Speisen nicht sättigen konnte; dem-ungeachtet hatte dieser Knabe während seiner langen Krankheitein außerordentliches Gedächtniß und ein mehr als mittelmäßi-