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XV
Nach vier Monaten durste ich zum ersten Male vom Wettemich erheben. Bier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachteich an die Leiden zurück, die ich da erduldet hatte, und zollteder ewigen Vorsehung innigsten Dank, daß sie wunderbar micherhaltend durch das Schrecklichste mich geleitet. Wunderbarwar meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit, Schmutz,Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd, meineWunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte,wie sie sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrergefürchteten Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daßnur die Amputation Hoffnung auf Rettung des Lebens übriglasse; die standhafte Weigerung, ihrer Amputirsucht mich zu un-terwerfen, die Reinheit und Festigkeit meiner Constitution unddie Geduld, mit der ich hundert und fünf Tage lang mit un-beweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt ausharrte,retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und dannwurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andernVerwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenom-men, und das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns inner-lich erzittern; mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlichgar Blatternkranke schmachteten neben mir, im Bereiche meinesArmes selbst; das Röcheln der Sterbenden umtönte mich täglich,und viele Stunden hindurch lagen verzerrte Leichname in unse-rer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der Wachter zu erregen.Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die andern Un-glücklichen versagt war. — Sollte man möglich glauben, daßGewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schre-ckens und der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!