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Lebensbeschreibung des Ehrenfr. Walther v. Tschirnhaus auf Kiesslingswalde und Würdigung seiner Verdienste : mit einem Vorwort über Prof. J.A. Grunert als Preisrichter / von Dr. Hermann Weissenborn
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Vorwort.

Geiste ableiten müssen, was in denselben Wahres nnd Falsches ent-halten ist, wodurch allein seine Schrift für den Mathematiker inte-ressant und lehrreich geworden wäre. Dagegen begnügt er sich, dievon Tscliirnhaus, wie schon erinnert, meistens nur in besondernFällen angewandten Methoden durch langathmige Differentiationenund Integi*ationen zu prüfen *), die natürlich jeder einigermassengeübte Schüler dieser Wissenschaften auszuführen im Stande seinmuss; er scheint die Prüfung der Dichtigkeit der von Tschirnliausausgesprochenen Sätze gewissermassen zu Eechenexempeln Behufsseiner eigenen Ucbung benutzt zu haben 2 ), worin ihm schwerlichein Mathematiker zu folgen Geduld haben wird, namentlich wenner glaubt 3 ), solche Rechnungen besser und kürzer anlegen und aus-führen zu können. Von wahrhaft philosophisch-mathematischemGeiste, welcher in das eigentliche Wesen der Methode einzudringen,den Kern aus der Schale herauszuschälen versteht, ist mir in dieser

*) Trotz der in der vorigen Anmerkung erwähnten Umstände habe ich esdoch für meine Pflicht gehalten, auf Kosten meiner und des Herrn PreisrichtersBequemlichkeit, Tschirnhausens wissenschaftliche Arbeiten (obgleich dies Öfterschon aus äusseren Gründen nicht leicht war), naher zu untersuchen, was Prof.Grunert freilich nicht für nöihig erachtet; erstens, weil ich wenigstens nichtwüsste, auf welchem anderen "Wege man entscheiden könnte, was an Tschirn-hausens BehauptungenWahres und Falsches ist, als auf dem, dass man seinenGedanken Schritt für Schritt folgt und dieselben beleuchtet; zweitens, weü mirdie Oberlausitzische Gesellschaft selbst dies zu wünschen schien, da sie die Preis-angabe in einer mathematischen Zeitschrift bekannt gemacht hat; drittens, weildie wissenschaftliche Beschäftigung überhaupt, sie mag zu einem Resultate führen,zu welchem sic will, zum Lehen eines Mannes gehört, wenn auch nicht zumäusseren, so doch zum inneren (vergl. §. 2 a. E.); viertens, weil es sowohl denMenschen wie den Gelehrten charakterisirt, ob Jemand die Tragweite seinerLeistungen und Entdeckungen richtig würdigt oder ob er sie überschätzt, ob er nurwohl Durchdachtes, Zusammenhängendes und Richtiges, oder ob er auch nichtreiflich Ueberlegtes, Abgerissenes und Unrichtiges dem Publicum vorlegt; fünftens,weil cs mir auch sonst nicht überflüssig erschien, in welcher Meinung ich nochdadurch bestärkt werde, dass ich einen von Tschirnliaus aufgestellten Satz alsrichtig nachweise, wahrend derselbe in Grunerts Supplementen zu Klügels mathe-matischem Wörterbuche für unrichtig erklärt wird (vergl. pag. 1G8, Anmerkung). Beinahe komisch aber ist es, denselben Prof. Grunert, der erst kurz vorhersich selbst für unfähig erklärt hat, das Philosophische an Tscliirnhaus zu be-urtlieilen, denselben Prof. Grunert, der sich für Philosophie so wenig intercssir^dass, er offenbar nicht einmal die Vorbemerkungen im §. 8 gelesen hat, hier von)>hilomphisch - mathematischem Geist sprechen zu hören. Indem ich es fürvöllig überflüssig halte, namentlich auch im Hinblick auf Prof. Grunerts bekannt-lich nichts weniger als kurzathmige Formeln und Rechnungen in seinem Archivhierüber noch ein Wort zu verlieren, erlaube ich mir die Frage: Wo zeigt sichin der gekrönten Preisschrift ein Eindringen in Tschirnhausens Methoden mitphilosophisch - mathematischem Geist ?

2 ) Es würde mir leicht sein, Prof. Grunert, namentlich unter Bezugnahmeauf seine eigenen Exempel, gebührend zurechtzuweisen, wenn ich mich entschliesscnkönnte, demselben auf ein Gebiet zu folgen, welches zu betreten und zu cultivirenich unter meiner Würde halte, und auf welchem ich ihm die Superiorität gerneinräume.

3 )glaubt. Nur Schade, dass auf diesem Gebiete auf das glauben n nichtsankommt.