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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Gestaltlehre oder Morphologie.

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erklärt, sondern auch manche beachtenswertste Winke über Blüthenstände gegebensind und sogar schon der Grundsatz ausgesprochen wird, daß (vom morphologi-schen Gesichtspunkte aus)Pflanzen der verschiedensten Tracht als sehr ähnliche,und die unähnlichsten Theile aller Pflanzen als ähnliche und verwandte sich er-geben." Weitere Andeutungen in diesem Sinne finden sich zerstreut in ver-schiedenen Schriften Linns's, namentlich in seinerkliilosopbiA botaniea"(1751). Mehr im Zusammenhange, aber minder glücklich behandelte er dieGestaltlehre in einer im Jahre 1755 gedruckten Abhandlung ^Netumorplrosisplruitsruw" sttmoM. Loack. eck. III. vol. 4. p. 368), in welcher er, die Pflanzeallzusehr in Analogie mit dem Thiere auffassend, die Metamorphose der erstemin einem ähnlichen Sinne wie die der Jnsectcn nimmt. Er sieht den Stammals den Larvenznstand an, aus dessen bloßgelegten Schichten die Blüthentheilehervorgehen, nämlich der Kelch aus der Rinde, die Blume aus dem Baste, dieStaubgefäße aus dem Holze und das Pistill aus dem Marke. Diese Einschach-telungs-Theorie ist jedoch nicht von Linns selbst erfunden, sondern rührt vonCesalpini her, der sie bereits im Jahre 1583 in seinem Werke (vs plantisUbri XVI.) ausstellte; auf die Lehre von der Analogie zwischen den Pflanzenund Jnsecten wurde Linns dagegen von Swammerdam und Needhamgeführt, wie er selbst deutlich genug angibt. In der genannten AbhandlungLinns's, worin er auffallender Weise der Blätter nur flüchtig gedenkt,alsStellvertreter der Muskeln, um von der Lust bewegt zu werden," findet sichauch die erste Andeutung zu der ihm eigenthümlichen Lehre von der voraus-eilenden Entwickelung oder der Anticipation mehrerer Jahrestriebe bei derBlü-thenbildung. Nach dieser Lehre, die er in einer besondern Abhandlung »kro-lepsis xlnoturnin" vom Jahre 1760 (in Linooir. nonä. 6<l. III. vol. 6. p. 324.)ausführlicher mittheilte, sind die Blätter gleich zu achten dem Triebe des ge-genwärtigen, die Bracteen des folgenden, der Kelch des dritten, dieBlumedes vierten, die Staubgefäße des fünften, und das Pistill des sechstenJahres. Auf die Beobachtung, daß an Bäumen und Sträuchern beim Aus-schläger! der Knospen in dem Winkel eines jeden der diesjährigen Blätter zu-gleich wieder die Knospe für einen nächstjährigen Trieb erkannt wird, bautLinns nämlich die Voraussetzung, daß auch in den Blattwinkeln dieser Knospebereits die Knöspchen für das dritte Jahr vorhanden seien, und so fort bis in'sUnendliche, und glaubt nun, wenn die Pflanze zur Blüthe gelange, so geschehedieses durch die gleichzeitige Entfaltung der vorgebildeten Knospen von sechsaufeinander folgenden Jahren. So sehr aber Linns sich bemühte, diese Theoriemit seiner Metamorphosenlehre zu verknüpfen, so lassen sich beide doch kaumin logischen Zusammenhang bringen, was zwar noch einmal von Joh. Jak.Ferber, einem Schüler Linns's, in einer gleichbetitelten Abhandlung vomJahre 1763 (ainosn. aonä. vol. 6. p. 365.), aber auch nicht mit dem bestenErfolge versucht wurde. Beide Lehren beruhten nicht auf der klaren, richtigenNaturanschauung, wie die erwähnte morphologische Betrachtung der Knospen,und mußten sich bei einem genauern Studium des innern Baues der Pflan-zen-Organe als unhaltbar erweisen.

Der Linns'schen Jnvolutions-Theorie gerade entgegengesetzt ist die ziem-lich gleichzeitig (im Jahre 1759) von Kaspar Friedr. Wolfs in seiner Disser-tation von der Zeugung (^lldsoria Konoistiouis," Hulas 1759) aufgestellte undin der Einleitung zu einer spätern Abhandlungüber die Bildung der Einge-weide in den bebrüteten Eiern" (in dlov. oouunsnt. aoaä. pstroxol. dorn. XII.17661767. x. 403.) weiter ausgebildete Evolutionslehre, nach welcher dieneuen Theile nicht durch eine Trennung bereits vorhandener Schichten, sondern