Gestaltlehre oder Morphologie.
59
ledonen angeheftet sind, läßt sich die zunehmende Ausbildung und Ausbreitungder Blätter von Knoten zu Knoten verfolgen, bis zum Auftreten des Blüthen-ftandes, wo ein bald schnellerer, bald langsamerer Uebergang Statt findet, in-dem die Stengelblätter an Größe abnehmen, bis zum Kelche, wobei die Zwischen-räume des Stengels zwischen deuKuoten, wo nicht merklich verlängert, doch seinerund schmächtiger gebildet erscheinen. Diese Erscheinung leitet Goethe von derWirkung der verfeinerten Säfte ab, so daß mit dem Kleinerwerden der Blätterbeim Eintreten in die Blüthenbildung diese Organe zugleich veredelt erscheinen.Im Kelche bilden sich nun mehrere solcher veränderten Blätter, die sonst nacheinander aus mehreren Knoten hervorgegangen wären, zusammen meist ineiner gewissen Zahl und Ordnung um einen Mittelpunkt herum, wo sie durchdas nahe Aneinanderrücken sich berühren, sogar häufig zusammenwachsen und diesogenannten einblätterigen Kelche darstellen. Dasselbe wiederholt sich in derBlume, wo mit der meist höhern Färbung eine noch stärkere Verfeinerung undgewöhnlich wieder eine Ausdehnung eintritt, da die Blumenblätter meist größersind, als die Kelchblätter. Die Staubgefäße entstehen, wenn die in der Blumeausgebreiteten (Blatt-) Organe wieder in einem höchst zusammengezogenen undzugleich in einem höchst verfemten Zustande erscheinen, wobei sich zuweilen nochZwischen-Organe, als Uebergänge von den Blumenblättern zu den Staubge-fäßen, einfinden, wohin die meisten von Linus mit dem Namen Nektarien be-zeichneten Organe gehören. In der ebenfalls aus der Blattbildung abzuleitendenFrucht tritt die letzte und größte Ausdehnung ein, welche die Pflanze in ihremWachsthums vornimmt, während der Same, welcher ebenfalls Blätter zu seinennächsten Hüllen umbildet, in-dem höchsten Grade von Zusammenziehung und Aus-bildung sich befindet. — Jeder Knoten hat von Natur die Kraft, ein oderMehrere Augen (Knospen) hervorzubringen. Die Knospe besteht aus mehr oderweniger entwickelten Knoten und Blättern, und die aus den Knospen sich ent-faltenden Triebe lassen sich als besondere Pflänzchen, welche eben so auf dem Mutter-körper stehen, wie dieser an der Erde befestigt ist, betrachten, und bieten auchin ihrem Wachsthums die gleichen Erscheinungen dar. Die Lebenskraft einerPflanze äußert sich also aus eine doppelte Art, zuerst durch das Wachsthum,indem sie sich von Knoten zu Knoten, von Blatt zu Blatt fortsetzt, oder indem siesproßt, und sodann durch die Fortpflanzung, welche in dem Blüthen- undFruchtbaue vollendet wird. Bei einer nähern Beschallung erscheint das Sprossenals eine successive Fortpflanzung, die sich in einer Folge einzelner Entwicke-lungen zeigt, die Blüthen- und Fruchtbildung aber als eine simultane Fort-pflanzung , welche auf einmal geschieht. Eine sprossende Pflanze dehnt sich mehroder weniger aus; eine blühende Pflanze hat sich in allen ihren Theilen zusam-mengezogen. „Es mag nun die Pflanze sprossen, blühen oder Früchte bringen,so sind es doch nur immer die selbigen Organe, welche in vielfältigen Be-stimmungen und unter oft veränderten Gestalten, die Vorschrift der Natur er-füllen. Dasselbe Organ, welches am Stengel als Blatt sich ausgedehnt undeine höchst mannigfaltige Gestalt angenommen hat, zieht sich nun im Kelche zu-sammen, dehnt sich im Blumenblatte wieder aus, zieht sich in den Geschlechts-werkzeugen zusammen, um sich äls Frucht zum letzen Male auszudehnen." Nach-dem Goethe imJahre 1317 seine Lehre mit Zusätzen (in seiner Schrift „ZurMorphologie" Stuttg. u. Tüb.) wiederholt bekannt gemacht, erschien dieselbenochmals im Jahre 1831 („Versuch über die Metamorphose der Pflanzen"),von einer französischen Uebersetzung und von Nachträgen und Zusätzen begleitet,worin der Verfasser die Geschichte seiner botanischen Studien, die Wirkung sei-ner Schrift und weitere Entfaltung der darin vorgetragenen Idee dargelegt, und