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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Gestaltlehre oder Morphologie.

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den die Spitze immer der jüngste, zuletzt entstandene Theil ist und von diesemaus das Wachsthum fortschreitet, entsteht umgekehrt bei den Blattgebilden dieSpitze zuerst und bildet demnach den ältesten Theil, von welchem aus kein wei-teres Wachsthum statt findet. Aus diesem Gegensatze in der Entwickelung läßtsich wohl die morphologische Natur der Organe meist nachweisen in den Fällen,wo dieselbe zu einer weitem Ausbildung gelangen; diese Nachweisung wirdaber schwierig oder unmöglich in solchen Fällen, wo die Organe nicht über ihreerste Entwickelungsstufe hinausgehen, wie bei den ring - und drüsenförmigen,meist unter dem gemeinschaftlichen Namen der Scheibe begriffenen Blüthen- >theilen, welche daher auch gewöhnlich eine verschiedene Deutung zulassen. Das-selbe ist der Fall in manchen Fällen, wo ein einzelner oder selbst mehrere Kreisevon Organen keine Trennung in ihre einzelnen Theile zeigen und ganz oder biszu einer gewissen Höhe miteinander gleichsam in Eins verschmolzen find. Hierbleibt uns dann, um zu einer Erklärung zu gelangen, die Beobachtung der ab-normen Bildungen, welche, als Producte der rückschreitenden Metamorphose (imSinne Goethe's), oft lehr schöne Aufschlüsse über die morphologische Bedeu-tung der Organe geben können, und darum auch mit Aufmerksamkeit zu stu-diren sind, und hier erscheint dann hauptsächlich die Teratologie als ergänzendeDoctrin der Gestaltlehre. Wenn uns aber in solchen und anderen zweifelhaf-ten Fällen die Natur nicht selbst durch ein Abweichen von ihrem normalen Bil-dungsgange einen Fingerzeig zur Erklärung gibt, so bleibt uns für die letztereNichts übrig, als die Vergleichung und der Schluß nach der Analogie, welcheaber beide nur mit Vorsicht benützt werden dürfen, da sie gewöhnlich nur zuHypothesen und durch diese leicht auf Irrwege führen, weßhalb auch manchedieser Fälle für jetzt noch unerklärt bleiben müssen.

Was aus einer einzelnen Sporenzelle oder aus einem einzelnen Keime sichhervorgebildet hat, ist, so weit alle seine Theile im organischen Zusammenhangebleiben, eine Einzelpflanze oder ein Pflanzen-Jndividuum. Die Theileeiner Einzelpflanze, welche von ihr getrennt sich selbstständig ausbilden und fort-bestehen , werden dadurch zu neuen Individuen. Bleiben sie dagegen auch nachder Entfaltung mit ihrer Mutterpflanze verbunden, so ist diess als ein zusammen-gesetztes Individuum zu betrachten. Das Letztere kommt am Häufigsten imPflanzenreiche vor, während ein einfaches Individuum außer den auseiner einzigen Zelle bestehenden Kryptogamen und dem Keime im Samen selbstoder kurz nach begonnener Keimung, bevor sich seitliche Knospen und aus die-sen Nebenachsen gebildet haben kaum möchte nachzuweisen sein. Jeden Theileiner Einzelpflanze, welcher für sich gleichsam als geschlossenes Ganzes entstehtund auch von der Pflanze getrennt als solches sich darstellt, kann als ein Or-gan angesehen werden, also Wurzel, Stamm, Ast, Knospe und Blatt, welchealle aber wieder zusammengesetzt sind aus geschlossenen einfachen oderElementar-Organen, nämlich Zellen und Gesäßen. Nur die zusammenge-setzten Organe sind es, welche sichzin die schon erwähnten Achsen- und Sei-ten-Organe unterscheiden lassen.

Zu der Hauptachse gehört also, wie bereits bemerkt, die aus dem unternEnde des Keimwürzelcbens entwickelte primäre oder Hauptwurzel und derin entgegengesetzter Richtung sich ausbildende Stamm. Die Hauptwurzelerscheint von Anfang an als die unmittelbare Fortsetzung des Stammes nachunten, und nach der Keimung bildet sich erst die Grenze zwischen beiden deut-licher aus dem sogenannten Wurzel halse, von welchem die Wurzeispitze sichfortwährend nach unten, der Stammgipfel aber in entgegengesetzter Richtungentfernt. Die Grundform der Hauptwurzel ist die eines in die Länge gezoge-