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Die Botanik in ihren Grundbegriffen mit Rücksicht auf ihre historische Entwicklung / von Dr. Gottl. Wilh. Bischoff
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Botanik.

ihrem Gipfel oder bis zur Fruchtbildung meist schon eine Reihe von Formab-änderungen der Organe verfolgen, welche zum Theil an die bei phanerogamischenPflanzen vorkommenden erinnern, z. B. ein Uebergang der Stammblätter inHüll- oder Deckblätter (bei Moosen, Jungermannieen und Lykopodiaceen); diemorphologische Bedeutung der Frucht- und Antheridien - Bildung ist aber beiden meisten noch zweifelhaft; bei vielen stimmt die Fruchtbildung auffallend mitder Antheren-Bildnng der Phanerogamen überein, wie dann auch bei der großenMehrzahl der Kryptogamen die Saatkörner oder Sporen sowohl in ihrer Ent-wickelungsweise als auch nach Form und Inhalt völlig den Pollen-Körnern derPhanerogamen gleichen. Alle aus Sporenzellen hervorgegangenen Pflanzenstimmen darin mit einander überein, daß sie in keinem Stadium ihres Lebenseine ursprüngliche oder Hauptwurzel besitzen, und selbst bei den mit einem deut-lichen Stamme versehenen ist dieser nur mit nach und nach und in verschiedenenRichtungen aus ihm selbst entspringenden Adventiv- oder Nebenwurzeln besetzt,verlängert sich aber niemals nach unten unmittelbar in eine abwärts wachsende Wur-zel, und hierin liegt noch ein durchgreifendes Unterscheidungszeichen der Sporen-pflanzen (Akotyledoneen oder Kryptogamen) von den Samenpflanzen (Kotyledo-nen oder Phanerogamen).

Bei den letztgenannten Pflanzen entwickelt sich in einer primitiven Zelle,noch auf der Mutterpflanze, ein neues Individuum im Knospenzustande, der be-reits erwähnte eigentliche Keim. An diesem lassen sich schon im Samen oderdeutlicher gleich nach begonnener Keimung ein Achsen-Organ, die Anlagezum künftigen Stamme, mit ihrem Wurzelende, oder das sogenannte Würzel-chen und in den meisten Fällen die von diesem getragenen Seiten-Organeoder die Keimblätter und Blättchen des Knöspchens unterscheiden. Selten be-steht der Keim ganz aus Achsen-Organ, ohne alle Andeutung von Seiten-Or-ganen, welche sich dann oft erst geraume Zeit nach der Keimung aus denStamme entwickeln, z. B. bei vielen Flachsseiden (Ouseuta). Was sich aus demAchsen-Organ des Keimes durch Vergrößerung der bereits vorhandenen Glie-der und durch Wiederholung derselben nach unten und oben oder auch nur inletzterer Richtung hervorbildet, also als unmittelbare Fortsetzung des ursprüng-lichen Achsen-Organs erscheint, stellt die Hauptachse dar, die demnach ausStamm und Grundwurzel (raäix basilaris), oder da die letztere in vielen Fällen baldverschwindet, auch aus dem Stamme allein besteht. Wenn im Verlaufe desWachsthums seitlich aus der Hauptachse neue Achsen hervorgehen, so bilden siedie Nebenachsen, an welchen sich aus gleiche Weise die Bildung seitlicher Ach-sen ein- oder mehrmal wiederholen kann, wodurch eine geringere oder stärkereVerzweigung der Pflanze entsteht. Nur in wenigen Fällen wächst das Knösp-chen des Keims in eine lagerähnliche Ausbreitung, ohne Gegensatz von Achseund Seiten-Organen in ein sogenanntes Laub, trons, aus, wie bei derWasserlinse (lwonm). Abgesehen von diesen Fällen, sowie von der vielen Spo-renpflanzen eigenen Lagerbildung, finden wir im Pflanzenreiche nur zwei mor-phologisch unterscheidbare Organensysteme: das der Achsen-Organe und das derSeiten-Organe oder der Blätter. Es müssen also alle verschiedenen Formender Pflanzen - Organe unter dem Begriffe eines der beiden Haupt-Organeder Achse oder des Blattes fallen, und es ist die Aufgabe der Morpho-logie für jede vorkommende Formabänderung dasjenige Organen-System, demdieselbe angehört, nachzuweisen. Schleiden, welcher die Entwickelung beiderHaupt-Organe von der Entstehung des Keimes an verfolgte, will in ihremBildungs-Processe einen Gegensatz erkannt haben, worauf er die allgemeine morpholo-gische Unterscheidung derselben gründet. Während nämlich an den Achsengebil-