56 Rap. 16. Von der chineſiſchen Malerey,
15. Bey Beobachtung der Verhaͤltniß des Menſchen, muß man hauptſuͤchlich dar-auf ſehen, daß die Glieder wohl untereinander correſpondiren, und ſich zu dem Alterund Geſchlecht eines Bildes ſchicken.
26. Die allgemeinen Maaſen der Bilder muͤſſen ſich vorzuͤglich nach der Laͤngeund nicht nach der Dicke richten.
17. Da in der Natur kein Koͤrper zu finden, der den andern voͤllig gleich, ſo ſollder Maler als Nachahmer derſelben, eine gleiche Abwechſelung bey ſeinen Figuren an-bringen, damit er die Einfoͤrmigkeit vermeide.
18. Was aber in der Natur nicht ſchoͤn iſt, als lange Fuͤſſe, und ein kurzer Hals,eine ſchmale Bruſt und lange Arme, des muß er als unfoͤrmlich und heßlich zu vermei-den ſuchen. Nur die ſchoͤne Natur iſt des Malers Vorbild.
19. Wer etwas nach dem Leben abzeichnen will, ſtelle ſich zwey oder dreymal ſoweit davon, als der abzuzeichnende Koͤrper groß iſt. Man kann ſich in der EinbildungStriche uͤber das Modell ziehen, und es darnach eintheilen, damit man einen deſto deut-lichern Begriff davon erhalte. So kann man auch in Abcopirung der Antiken verfah-ren. Weil eben dieſe Antiken einen ſehr hohen Grad der Vollkommenheit erreicht ha-ben, und als wahre Muſter der Nachahmung, den neuern allerdings vorzuziehen ſind:ſo ſoll man ſie getreulich ohne hinzu zu thun, oder wegzulaſſen, nachahmen. Man wirdſonſt in den Fehler vieler Franzoſen und Niederlaͤnder verfallen, die zwar die Antikenauch ſtudirt, aber die einmal von ihren Lehrmeiſtern angenommene fehlerhafte Maniernicht ganz ablegen koͤnnen, und daher immer nicht das wahre ſchoͤne erreicht haben.Wenn ihr Bild gezeichnet iſt, ſo ſieht man nicht das Studium der Antiken daran, ſon-dern eine Figur, in der man etwas von des Callot, Perrier, Spranger, Golzius,Rubens, oder eines andern Manier entdeckt. Man folge alſo den Antiken, oder denGemaͤlden, die von groſſen Meiſtern gemacht ſind, und in einem allgemeinen Ruffe derSchoͤnheit ſtehen, genau nach, und entferne ſich von aller Manier, oder falſchem Zuſatz.
20. In den kleinen Kunſtſachen ſind die Fehler nicht ſo gut, als in den groſſen zuerkennen; daher iſt es weit leichter ein Maler kleiner Geſellſchaftsgemaͤlde, als groſſerhiſtoriſcher Bilder zu ſeyn: Wir finden eine Menge treflicher Kuͤnſtler in Staffeley-gemaͤlden, die nimmermehr im Stande ſeyn wuͤrden eine Geſchichte von Figuren in Le-bensgroͤſſe zu verfertigen. Kleine Figuren erfordern keine ſo feſte geuͤbte Hand, vieleTheile koͤnnen gar nicht einmal ausgedruckt werden: folglich iſt auch ein mittelmaͤſſigerZeichner geſchickt dazu.
21. Wenn der Kuͤnſtler vor ſeinem Gemaͤlde ſitzet und arbeitet, ſoll er gleichſammit ſeinen Gedanken umherſchweifen, und in der groſſen Welt ſeyn: damit er ſich dieSachen vorſtelle, wie ſie im gemeinen Leben ſind; und ſeinem Gemaͤlde den richtigenund der Natur gemaͤſen Ausdruck gebe.
22. Hat er nunmehr einen oder mehrere Entwuͤrfe von einer Geſchichte gemacht,ſo ſoll er mit guten Freunden und Kunſtverſtaͤndigen daruber reden: alles von ihnenunterſuchen laſſen, ihre Erinnerungen annehmen, und ſein Werk darnach ausbeſſern.
23. Der Maler ſoll beſtaͤndig mehr fuͤr die Ehre als ums Brod arbeiten. DieFolge des Leztern iſt gemeiniglich die Eilfertigkeit, daß ein Gemälde nur zum 6ert