Katharina», und er hätte diesen Ausdruck auf die gesammterussische Gesellschaft jener Tage ausdehnen können. Die Be-ziehungen der Geschlechter arteten innerhalb der Gesellschaft inwiderliches, physisch-rohes Gelüste aus, ein förmliches Wettrennenin wahnwitzigen, ekelhaft phantastischen Einfällen fand statt. InMoskau hatte sich eine Art „Orden" unter dem Namen „physi-scher Klub" gebildet, welchem nur Mitglieder der „allervornehm-sten Kreise" angehörten. Nach einem üppigen, gemeinsam ein-genommenen Mahle wurden die „Paare" ausgeloost, und nunbegannen die maßlosesten Orgien, an denen sich kunterbunt durcheinander Gatten und Gattinnen, Brüder und Schwestern ohnejede Spur von Scham oder Widerwillen betheiligten. AehnlicheVerbindungen wurden bald da, bald dort nachgebildet.
In Petersburg badeten nach dem Bericht des AugenzeugenMa,son in den öffentlichen Flußlaufen Männlein und Weibleindurch einander, und die jungen Bürgermädchen machten sich einPlaifir daraus, den widerlichen Scenen, die sich dabei ent-wickelten, von ihren Fenstern aus zuzusehen.
In den Badehäusern der Frauen hatten die Männer un-gehinderten Zutritt, und als die skandalösen Vorgänge, welchehieraus erwuchsen, allzu offenkundig wurden, bestimmte Katharina,daß „nur Aerzte und Künstler" noch zum Zweck von Studienin die Frauenbäder gehen dürften. Natürlich wuchs nun das„künstlerische Interesse" bei der Petersburger Männerwelt insUngemeffene.
Die adeligen Gutsbesitzerinnen machten sich ein besonderesVergnügen daraus, ihre Bauern vollständig entkleiden und vorihren Augen peitschen zu lassen. Keine moskowitische Aristo-kratin scheute sich, vor den Augen eines leibeigenen Mannes ihreleiblichen Bedürfnisse zu verrichten. Eine Fürstin K., die amHofe der Zarin eine hervorragende Rolle spielte, fand ein be-sonderes Interesse darin, ihre Jagdhunde auf nackte Bauern zuhetzen, ihre Dienerinnen auf die bloßen Brüste zu schlagen undden einen wie den anderen die zartesten Körpertheile eigenhändigmit einer Kerze zu versengen.
Wollust und Grausamkeit paarten sich in diesen entmenschtenBestien mit einander, und kein Wunder auch, da ja alles Gefühlund Verständniß für die edleren Seiten der menschlichen Natur,alle Scham und Ehre von oben herab systematisch vernichtet