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Nur ein Stand hatte es, den widrigen Verhältnissen zumTrotz, verstanden, sich in der neuen Lage der Dinge zu be-haupten: der wendische Adel, der seinen Nationalstolz in dieTasche steckte und, statt mit seinen nicht-edlen Stammesgenossenden Heldentod zu suchen, lieber vor den neuen Machthabernzu Kreuze kroch, um mit ihnen gemeinsam die Ausbeutung desLandes in neuer Form zu betreiben. Ein typisches Beispiel,ivie es zu allen Zeiten mit dem vielgerühmten „Patriotismus"der Edelsten und Besten beschaffen war!
Es giebt Geschichtsforscher, die den sogenannten mecklen-burgischen „Uradel" in Bausch und Bogen von diesen wendischenRenegaten*) ableiten, und iir der That werden noch in denUrkunden des dreizehnten Jahrhunderts die Namen zahlreicherwendischer Ritter genannt. An den von Heinrich dem Löwenwieder in Gnaden aufgenommenen Nachkommen Niklots besaßendiese Ueberlebenden einen festen Rückhalt. In den folgendenJahrzehnten verschwinden jedoch die slawischen Namen bis aufeinige wenige aus den Urkunden, so daß es plötzlich den An-schein gewinnt, als ob man es in den mecklenburgischen edlenHerren mit lauter deutschen Rittern zu thun hätte. In Wirk-lichkeit -,edoch sind es dieselben wendischen Ausbeuter, die nuraus praktischen „ökonomischen" Rücksichten das Fell gewechselthaben, gleich gewissen Wanzenarten, die sich in der Farbe jedes-mal dem Organismus anpassen, an dem sie schmarotzen. Die„bekehrten" Wendenritter hatten nämlich, gleich den Niklotiden,gefunden, daß die eingewanderten germanischen Bauern einweit ergiebigeres Ausbeutungsobjckt darboten, als die unruhigen,kampflustigen Obotriten, und diese Entdeckung bestimmte sie,sich nun ganz auf die Seite der deutschen Sache zu stellen.
Die wendischen Volksreste wurden jetzt nicht nur von dendeutschen Colonisten, sondern auch von den wendischen Fürstenund Edelleuten verfolgt und ausgetilgt, dafür aber wußten sichdie letzteren mit Zins, Pachten und allerhand Diensten, welche
*) Abtrünnige, Verräth»?.