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Katharina II. von Russland : August der Starke - Kurfürst von Sachsen, König von Polen ; Papst Alexander VI. ; Karl Leopold - Herzog zu Mecklenburg-Schwerin ; Ludwig XIV. - König von Frankreich
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und wandten sich sogleich nach der Gold- und Silbergasse*)in Wien um Hilfe. Karl Leopold aber machte kurzen Prozeßmit ihnen, setzte den Rath in derblauen Stube" des Rath-hauses gefangen, die nun . so stark geheizt wurde, daß die Oesenplatzten, ohne daß die Gefangenen die Fenster öffnen dursten.Vierzehn Tage saß der hochweise Rath hier bei schmaler Ge-fängnißkost, von Hunger, Durst und Hitze gequält, und konnteüber die Herrlichkeit und Macht des Gottesgnadeuthums nach-denken. In die Häuser der Rathsherren wurde Einquartierunggelegt, hohe Geldbußen wurden gegen sie verfügt, und endlichführte man sie gar auf den Richtplatz, auf dem sie zu anderenZeiten selbst ihre Diebe zu henken pflegten. Da endlich wurdendie von Todesangst Gepeinigten mürbe und gaben nach, unddie einstige freie Stadt Rostock kam nunmehr thatsächlich inGefahr, in eine herzoglich mecklenburgische Laudesfestung ver-wandelt 'u werden.

Inzwischen war auch der Streit zwischen Karl Leopoldund der Ritterschaft ausgebrochcn. Da der Herzog sich nichtstark genug fühlte, um es mit diesen zähen Widersachern auf-zunehmen und sie zur Zahlung der für seine militaristischenPläne nothwendigen Contributionen zu bewegen, so sah er sichnach Hilfe von außen um und verfiel zunächst auf seinen Ideal-helden Karl XII., der gerade damals, 171 i, aus der Türkeinach Stralsund zurückgekehrt war. Bald aber zeigte es sich,daß der schwedische Soldatenkönig eine gefallene Größe war,und so schaute denn der mecklenburgische Herzog nach einemanderen hohen Gönner aus, den er endlich in dem DeutschenKaiser Karl VI entdeckt zu haben glaubte.

Und hier sehen wir nun in der verzerrten Karrikaturdieses ohnmächtigen Zwergfürsten den allgemeinen Zug der Zeitauf merkwürdige Weise sich spiegeln: derselbe Größenwahn, derin den französischen Ludwigs culmiuirte, und der all diese

*) So nannte man den kaiserlichen Reichs-Hvfrath wegen seinerUnersättlichkeit nnd Bestechlichkeit.