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lichste König*) ist der natürliche Erbe der Universalmacht, diedem Vater der Christenheit abhanden gekommen war. Wieeine Spinne in ihrem Netz, so saßen die Päpste der „goldenen"römischen spanischen Zeit, saß der Mucker Philipp II., saßauch Ludwig XIV. inmitten des Systems, als dessen Ver-körperung diese Männer galten. Es liegt etwas Träges,Weibisches, Passives in diesem genußsüchtigen katholischen Ab-solutismus, der uns wie der glückliche Erbe der abgestorbenenFeudalgewalt erscheint und sich durch sein prunkhaftes, üppiges,zeremoniöses Wesen von dem ärmlichen, rauhen Alleinherrscher-thum eines Karl XII. von Schweden, eines Peter von Ruß-land scharf unterscheidet.
Ludwig besaß, im Gegensatz zu seinem Vater, mit demer nicht die geringste äußerliche Ähnlichkeit hatte, ein robustesNaturell, das ihm in seiner Rolle recht sehr zu statten kam.Sein «leibliches Wohlergehen ging ihm über alles, und erwidmete seiner kostbaren Person das ernsthafteste Studium.Er war ein ungewöhnlich starker Esser; nach den Angaben derHerzogin von Orleans vertilgte er bei einer einzigen Mahlzeit:„vier Teller voll unterschiedlicher Suppe, einen ganzen Fasanen,ein Feldhuhn, einen großen Teller voll Salat, geschnittenHammelfleisch in seiner Brühe mit Knoblauch, zwei gute StückSchinken und noch dabei Obst und Confitüren". Man sieht,eine kräftige „Grundlage", auf die der „Sonnenkönig" seineExistenz basirt. Im Trinken war er mäßig — er fürchtete,sich im Rausch etwas von seiner majestätischen Würde zuvergeben.
Diese äußerliche „Würde" hatte er zur höchsten Voll-kommenheit ausgebildet. Er vereinigte in sich die von seinerMutter ererbte spanische Grandezza mit französischer Höflichkeitund legte, wie die meisten mittelmäßigen Köpfe, den Aeußer-lichkeiten in Benehmen und Haltung die größte Wichtigkeit bei.Jede Bewegung, jedes Wort ist bei ihm berechnet. Niemals
*) Beiname des KönigS von Frankreich.