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Hunderttausenden im Lande umher, während die Maitresse desKönigs, Frau von Maintenon, schamlosen Kornwucher treibtund das Getreide in den Speichern verfaulen läßt, da niemanddie geforderten Preise bezahlen kann. Um das überhandnehmende Bcttlerthum zu unterdrücken, hängt man ein paarHunderte dieser Unglücklichen an den Galgen; aber die Ueber-lebendcn rufen: „Hängt auch uns lieber auf, eh' ihr unsverhungern laßt." Eltern todten ihre Kinder, um sie zu ver-zehren, Leichen werden ausgegraben und gegessen.
„Frankreich ist nur noch ein großes, tröst- und brotlosesHospital", heißt es in einem anonymen Briefe, der dem Königeden wahren Zustand des Landes zu schildern wagte. Wernoch Muth und Kraft genug besaß, um sich aus all dem Elendloszureißen, der wanderte aus, verließ dieses jammervolleHo'vital, dessen Insassen, dank dem Größenwahn eines einzigenMenschen, immer tröst- und brotloser wurden. Wer aber dieWahrheit auszusprcchen, die Dinge beim rechten Namen zunennen wagte, der ward von den überall umhcrlungerndenSviyeln dennnzirt und wanderte als MajestätsbeleiSiger undAufrührer in die Baslille.
Im Jahre 1691 war Louvois gestorben — durch Gift,wie man allgemein annahm. Der König war nicht unzufriedenihn loszuwerden: hatte doch dieser blutdürstige Mensch nichtund mehr Gewalt über seine Entschließungen gewonnen. Dereitle Schwachkopf Ludwig wähnte nun, seine Feinde durch diebloße Kunde, daß er persönlich wieder das Heft in den Händenhabe, vollständig zu entwaffnen. Allein das Gegentheil tratein: der Niedergang, der bereits zu Louvois Zeit begonnen,nahm ein immer rascheres Tempo an, und die „ruhmreichen"französischen Heere sahen bereits den Moment der entscheidendenNieder läge kommen.
Zuclitlosigkeit und Unzufriedenheit war bei ihnen einge-lassen. Sie erhielten den Sold nicht mehr regelmäßig ausge-zahlt, wurden schlecht vervfl gt und von den Lieferanten be-trogen. Sie rächten sich dafür an den Einwohnern der