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Katharina II. von Russland : August der Starke - Kurfürst von Sachsen, König von Polen ; Papst Alexander VI. ; Karl Leopold - Herzog zu Mecklenburg-Schwerin ; Ludwig XIV. - König von Frankreich
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Das ward Ludwig bald klar: daß er nicht mehr der gefürchtet«Alleinherrscher war, der dem zitternden Europa Gesetze diktirte.Furchtbare Niederlagen erlitten seine Armeen durch den PrinzenEugen von Savoyen und den Herzog von Marlborough.Der hochmüthige Tyrann, der sich vermessen hatte, die ganzeWelt nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, lernte als zitternderGreis Scham und Verzweiflung im reichsten Maße kennen.

Das Volk ward durch diesen langwierigsten Krieg deswahnwitzigen Bourbonen bis auf's Mark erschöpft. Als denunteren Klassen der letzte Blutstropfen abgezapft war, ginges auch den bevorrechteten Ständen an den Kragen: Börse,Kirche, Adel alles mußte heran. Ludwig selbst mußte seinSilbergeräth in die Münze schicken und war zeitweise so voll-ständig ausgebeutelt, daß er seine Fleischlieferanten nicht be-zahlen konnte.

In seinem eigenen Lande erheben sich die von den römischenSeligmachern grausam verfolgten Waldenser unter Führungdes tapferen Bäckergesellen Jean Cavalier, und eine ganzeArmee muß der König gegen die todesmuthigen Bergbewohneraufbieten, um sie niederzuwerfen Hin und her schwankt dasKriegsglück im Felde, jedes Jahr bringt Schlappen und Siege,doch werden die letzteren immer seltener und seltener. Endlichmuß der Greis von Versailles es erleben, daß die Gegner denKrieg auf den geheiligten Boden Frankreichs verlegen des-selben Frankreich, das er über alle Reiche der Erde hatte er-heben wollen, wobei er nur den Irrthum beging, daß erFrankreichs Interessen mit seinen eigenen verwechselte.

Niemand erhob sich, um dieSchmach" des feindlichenEinfalls zu rächen. Das Volk hatte sich weißgeblutet, und dieVornehmen des Landes, in zwei große Lager gespalten, betetenoder praßten. Ludwig und seine Maintenondie alteZott", wie sie die Herzogin von Orleans in ihren Briefen zunennen pflegt waren zum Gegenstand des Abscheus und desGespötts geworden. Furchtbare Schicksalsschlöge sausten aufdas Haupt des greisen Tyrannen nieder: sein einziger Sohn,