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zunehmen. In Folge dessen wurden die günstigen Zeitpunkte ver-passt. Bei dem körperlich völlig verbrauchten Manne mussten dieleiblichen Schmerzen auch die geistigen Fähigkeiten, seine moralischenEigenschaften, in Mitleidenschaft ziehen. 8 ) Und er, auf dessenNamen die Vogesenarmee zusammengelaufen, deren Seele, dereneinziger Halt er war, sollte aus ihr ein schneidiges Kriegswerkzeugmachen, sie Zusammenhalten, sie mit seinem Geiste beleben undzu hohen Thaten entflammen!
Um diese Mängel weniger in den Vordergrund treten zulassen, sorgte seine nähere Umgebung, vor allen sein TmpressarioBordone, dafür, dass er wenigstens äusserlich auf seine Untergebenendurch Glanz des Auftretens Eindruck machte und dass seine Stellungals Oberbefehlshaber in das gehörige Licht gestellt wurde. Seinzahlreicher Generalstab war in glänzende, goldstrotzende Uniformengekleidet, die Guiden bildeten seine Leibwache zu Pferde undbegleiteten ihn auf seinen Ausfahrten in der mit vier Vollblutpferdenä la Daumont bespannten, prächtigen Karosse; ’) die Carabiniersgenois dienten ihm als Leibwache zu Fuss.
Garibaldi war ein schöner alter Mann: er hatte einen charak-teristischen länglichen Kopf von bleicher Gesichtsfarbe mit sein-ausgeprägter, leicht zurückweichender Stirn, umgeben von langenweissen Haaren, welche ihm bis auf die Schultern fielen. Unterder Stirn blickten kleine, aber durchdringende und ausdrucksvolleAugen hervor. Seine griechische Nase hatte trotz seines Altersdie volle Reinheit ihrer Linien behalten. Den unteren Theil seinessehr männlich aussehenden Gesichtes umgab ein weisser Vollbartvon theilweise fahlröthlicher Färbung, was auf germanische Ab-stammung hindeutete. Der Ausdruck seines Gesichtes war damalsleidend, aber sein Haupt hatte, wie sein politischer Gegner Garniersagt, 2 ) „ganz besonders das Gepräge des Glaubens, der Ueberzeugungeines Apostels.“ Er sprach langsam und die französische Spracheohne fremden Anklang; der Ton seiner gesangvollen Stimme warvon ausserordentlicher Weiche, angenehm für das Ohr und fweit-tragend; er deutete mehr auf seine natürliche Neigung, zu über-zeugen, mit fortzureüsen, als zu befehlen, hin. „Seine Redeweisewar warm, bilderreich, von Ueberzeugung durchdrungen, ungesucht,aber mit theatralischem Stimmfall: so kann man sich den ganzenEinfluss dieses Mannes auf die mittäglichen Massen, die die äussere
*) C. P. 77 und App. 69 u. 70. — 2 ) Mid. 172. Nach Bo. M. 33 hatteihm Baron Thenard aus Dijon zwei Wagen mit 4 Pferden und Kutschernzur Verfügung gestellt. — '*>) Ga. 292.